Dieser Text schließt sich an den Beitrag „Das Ich als echte Singularität“ an und ist – mit geringfügigen dem Format entsprechenden Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Nun ist die Frage, wie man mithilfe der Singularität genau dies zusammen gedacht bekommt: All-Eins-Sein und Nur-Ich-Selbst-Sein. Eng damit verwandt ist die weiter oben bereits gestellte Frage danach, ob es nun viele verschiedene Ichs oder ein einziges Ich gibt. Aus mathematischer Sicht gibt es darauf eine interessante Antwort: In der Mathematik ergibt die Rede von Mengen bei Singularitäten keinen Sinn. Es ist daher unentscheidbar, ob es nur ein Ich oder viele verschiedene Ichs gibt. Angesichts dessen könnte man mit Fug und Recht sagen, dass das Postulat von Ichsein als Singularität im Hinblick auf die obigen Fragen rein gar nichts erklärt und nicht mehr als eine eloquent klingende explanatorische Nebelkerze ist. Diese Aussage kann auch als ein Weg gesehen werden, sich wohlklingend aus der Affäre zu ziehen. Es ist zwar mathematisch korrekt, aber ich habe keine Erklärung dafür geliefert, ob ich nur ich bin oder ob die Welt um mich herum irgendwie auch ich bin oder nicht. Oder ich antworte auf die Frage „Gibt es nun ein Ich oder viele Ichs?“ mit einem beherzten „Ja!“. In beiden Fällen werfe ich die formale Logik über Bord, da sowohl die Eigenschaften der Singularität als auch die Aussage „Es gibt weder ein Ich, noch viele verschiedene Ichs“ sowohl den Satz vom Widerspruch als auch den Satz vom ausgeschlossenen Dritten verletzt. Aber ich tendiere dennoch dazu, diese Unentscheidbarkeit anzunehmen, denn ich glaube, an dieser Stelle liegt einfach ein solches unhinterschreitbares factum brutum vor. Doch glücklicherweise muss ich dies nicht nur ohne den Ansatz eines Verstehens hinnehmen oder ins Blaue hinein postulieren, sondern darf mich mit meinem Welterleben nach einer Antwort befragen, denn ich bin ja qua Ichsein ein völlig gültiger Bezugspunkt für Wahrheit innerhalb dieses Konzepts. Und wenn ich mich befrage, dann stelle ich fest: Auch in meinem Welterleben existiert diese paradoxe Gleichzeitigkeit. Einerseits ist mir die Gesamtheit aller erlebter Fakten vollständig bewusstseinsimmanent. Außerhalb meines Bewusstseins kann ich nichts feststellen, das wäre ein Selbstwiderspruch. Dazu müsste ich mein eigenes Bewusstsein völlig transzendieren. Entweder wäre ich dann noch da, womit ich nichts anderes als eine neue, transzendierte Version meines eigenen Bewusstseins geschaffen hätte (wie auch immer diese aussehen sollte) oder ich wäre nicht mehr da und könnte auch nichts mehr herausfinden. Ich kann also prinzipiell nicht herausfinden, ob es etwas außerhalb meines Bewusstseins gibt. Andererseits habe ich ständig Erlebnisse mit Inhalten, die ich weder intendiert noch vorher gekannt habe oder voraussehen konnte. Auf alltäglicher Basis erlebe ich also die paradoxe Unentscheidbarkeit für entweder die eine Variante „Es gibt nur mich“ oder die andere Variante „Es gibt viele Ichs“. Es ist weder beweisbar noch widerlegbar, dass es nur ein Ich gibt. Ebenso ist es weder beweisbar noch widerlegbar, dass es viele Ichs gibt und auch unser Erleben gibt uns darauf keine eindeutige Antwort im Sinne einer Entscheidung für Variante A oder B. Es ist eher ein paradoxes „entweder und oder“. Man könnte also sagen, dass das Zusammenbrechen zweier grundlegender Gesetzmäßigkeiten der formalen Logik unsere Normalität ist!

Wenn eine mathematisch festgestellte Unentscheidbarkeit in ihren Eigenschaften so eng mit der von uns erlebten Unentscheidbarkeit korreliert, ist das für mich ein Grund anzunehmen, dass diese Unentscheidbarkeit eine wahrheitsgemäße Beschreibung der Natur der Realität wiedergibt. Sie erinnert auch ein wenig an die ewige Streitfrage der Physik, ob nun Quanten Wellen oder Teilchen sind. Auch wenn der Großteil der Physiker gerade z.B. von Licht als Teilchen spricht, so tun sie dies unter der Annahme, dass – so wird es in der Regel beschwichtigend gesagt – lediglich deren Wahrscheinlichkeitswellen miteinander interferieren können und damit das Interferenzmuster im berühmten Doppelspaltexperiment erzeugen. Man sagt, auch Elementarteilchen können eben Welleneigenschaften haben. Doch allein dies ist schon eine ungeheuerliche Aussage. Wie um alles in der Welt können diskrete Teilchen, die einfach nur Teilchen sind, dann doch eine Wellen-eigenschaft haben, die auch mit der Welleneigenschaft eines anderen Teilchens interferieren kann? Also ist es ja doch so, dass das Wellenattribut der Lichtquanten auch durch diese Erklärung nicht ganz eliminiert werden kann – durch die Aussage „es interferieren ja nur die Wahrscheinlichkeits-wellen miteinander“ ist in Wahrheit rein gar nichts beschwichtigt oder vereindeutigt worden. Es ist eigentlich noch eine ungeheuerliche Aussage dazu gekommen, nämlich dass Wellen aus reiner Wahrscheinlichkeit, also aus reiner Mathematik miteinander interagieren können. (Dies sollten wir uns für später merken!) Denn anders als z.B. Wasserwellen oder Schallwellen, die einen materiellen Träger haben, breiten sich die Wahrscheinlichkeitswellen nicht in einem materiellen Medium aus – sie bzw. die Elementarteilchen, deren Attribut sie sind, werden ja gerade erst als Konstituenten der Materie gesehen. Dazu kommt: Vor einer Messung (d.h. jeder Form von Wechselwirkung) sind die Lichtquanten gleichzeitig irgendwie auch diese Wahrscheinlichkeitswelle, weil sie sich noch nicht „entschieden“ haben, an welchem konkreten Ort sie sind – und aufgrund dieser Interferenz „entscheiden“ sie sich ja dann auch, auf dem Detektorschirm an einem Ort anzulanden, der für sie, wären sie tatsächlich einfach nur reine, diskrete Teilchen, unerreichbar wäre, weil er jenseits des Einfallswinkels liegt, mit dem die Photonen durch den Schlitz geschickt werden. Dann jedoch, findet eine Wechselwirkung mit einem direkt am Schlitz angebrachten Detektor statt, kollabiert der Wellencharakter des Quants und es verhält sich wie ein perfektes Teilchen. Abgesehen davon, dass ich mich immer frage, warum denn die Lichtquanten nur mit dem Detektor am Schlitz wechselwirken und nicht mit den Quanten, die in der Wand mit den Schlitzen enthalten sind 1, ist es hier doch wirklich unentscheidbar, was Lichtquanten nun wirklich sind: Welle oder Teilchen? Auch hier versagt doch streng genommen die zweiwertige Logik – beziehungsweise haben wir bisher noch keine restlos überzeugende Interpretation gefunden, die sich im Sinne einer zweiwertigen Logik eindeutig für eine und nur eine der Optionen entscheidet 2. Möglicherweise ist diese Unentscheidbarkeit – bin ich nur ich oder bin ich alles, gibt es viele verschiedene Ichs oder nur eins, sind Quanten Welle oder Teilchen – ein prinzipieller Bestandteil unserer Natur, auch wenn dies eine für unseren Verstand sehr beunruhigende Annahme ist. Nie kann er in einer der Möglichkeiten Ruhe und Gewissheit finden. Aber angesichts der bisher angestellten Überlegungen muss ich konsta-tieren, dass mir dies als die wahrscheinlichste Annahme erscheint. Und wenn ich das Wesen meines Verstandes betrachte, so scheint es tatsächlich, als sei er ständig in Bewegung. Vollkommene Ruhe scheint es nur jenseits des Verstandes im Ich zu geben.

Vielleicht kann man es für den Verstand ein wenig begreiflicher machen, indem man aus den zwei möglichen Perspektiven schaut: Aus dem raumzeitlichen Bezugssystem macht es durchaus Sinn, von unzähligen voneinander verschiedenen Individuen zu sprechen, auch wenn sie alle „ein- und derselben“ Singularität entspringen. So würden wir ja auch nicht davon sprechen, dass alle Schwarzen Löcher im Universum in Wahrheit ein einziges Schwarzes Loch sind, nur weil alle eine Singularität im Zentrum haben. Vom „Nicht-Standpunkt“ der Singularität aus betrachtet ergeben hingegen schon Begriffe wie „dasselbe“ oder „verschieden“ keinen Sinn, weil sie einen vergleichenden und damit relationalen Charakter haben. Es ist daher weder sinnvoll, davon zu sprechen, dass es dieselbe Singularität ist, die sich im Zentrum eines jeden Individuums befindet, noch ist es sinnvoll, das Gegenteil zu behaupten, nämlich dass es eine andere sei.

Diese Gedanken über die Unentscheidbarkeit regen mich allerdings an, meine bisherige These, dass das Ich fundamental und die Materie ein Abkünftiges aus ihm ist, noch einmal genau zu über-denken und zu überprüfen, ob diese eindeutige Entscheidung in Bezug auf den ontologischen Status der beiden Instanzen denn überhaupt nötig und auch richtig ist: Kann man es wirklich so eindeutig entscheiden, dass das Ich die Welt instantiiert und Materie inklusive subjektivem und objektivem Aspekt nur ein Abkünftiges von diesem Ich ist? Oder liegt auch hier eine Unentscheidbarkeit vor, also gewissermaßen, um es angelehnt an Schelling zu sagen, eine Identität von Nichtidentischsein und Identischsein? Das Ich habe ich bis hierher als absolut und nur mit sich selbst identisch charakterisiert. Doch stellt sich mir jetzt die Frage: Woher soll denn dieses Ich, das seiner Natur nach nur absolut und nur mit sich selbst identisch ist, die Fähigkeit haben, die relative Wirklichkeit zu instantiieren? Muss nicht auch der Keim des Relativen auf der fundamentalen Ebene der Wirklichkeit angesiedelt sein, wenn wir keine unplausible Emergenz des Relativen aus dem Nichts postulieren wollen? Wenn ich sage, dass es unplausibel ist, dass etwas Relatives wie phänomenales Erleben oder auch physikalische Prozesse etwas Absolutes wie das Ich hervorbringt, dann muss ich fairerweise das gleiche Argument auch umgekehrt gelten lassen: Ein Absolutes, das selbst nicht über die Eigenschaft des Relativen verfügt, kann doch dann auch nichts Relatives entstehen lassen! Daraus folgt: Das Absolute allein kann nicht fundamental sein. An diesem Punkt müssen wir uns eingestehen, dass jeder denkmöglicher Weg, in dem wir uns mithilfe der Logik entweder für die eine oder andere Variante entscheiden wollen (wir erinnern uns wieder an den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch), in den Selbstwiderspruch führt. Auch hier liegt letztlich eine Unentscheidbarkeit hinsichtlich der Fundamentalität von Absolutem oder Relativem vor. Wirklichkeit muss zwei fundamentale Aspekte haben, die, weil sie eben beide fundamental sind, so unzertrennlich sind, dass sie wiederum als eins angesehen werden müssen. Doch auch dies kann man aus den Eigenschaften der Singularität ableiten, und zwar aus ihrer Eigenschaft, unendlich zu sein. Schauen wir uns beispielsweise die Urknallsingularität an, sehen wir, dass sie von einem retrospektiven Blickwinkel von innerhalb der Raumzeit betrachtet nicht nur als punktförmig erscheint – genau genommen jedoch gar nicht erscheint, weil sie keinerlei raumzeitliche Ausdehnung hat, also jenseits der Raumzeit ist und der Punkt in der Mathematik jene Entität ist, die diesen Umstand bedeutet -, sondern dass in ihr auch eine unendliche Dichte von Energie konzentriert ist. Es ist die Frage, ob, wenn Einstein damit Recht hat, wirklich noch von Energie und Ich als zwei unter-schiedlichen Aspekten gesprochen werden kann oder ob sie doch irgendwie identisch sind – oder ob hier wieder einmal das Versagen der zweiwertigen Logik vorliegt und sie zugleich identisch und voneinander verschieden sind, wie ich es eben angedeutet hatte (dass es zwei Aspekte sind, die so unzertrennlich sind, dass sie wiederum als eins angesehen werden müssen). Dann ist jedoch die Frage, ob das von mir hier eingeführte Ich als echte Singularität wirklich noch ein trennscharfer Begriff im Verhältnis zu Energie/Materie ist – beziehungsweise wäre dann fraglich, ob es möglicherweise unterschiedliche Arten von echten Singularitäten gibt oder ob, wie oben angesprochen, das Universum beziehungsweise Wirklichkeit als Ganzes eine Singularität ist, die sowohl Aspekte des absolut Identischen als auch des relativen Nichtidentischen aufweist und paradoxerweise in sich vereint. Man scheint Wirklichkeit nicht zerpflücken und einzelne Teile als nicht fundamental aussortieren zu können, sie scheint viel mehr als Ganzes fundamental zu sein. Jedenfalls ist es, bei aller Fragwürdigkeit der richtigen Interpretation dieses Umstands, dennoch relativ klar, dass dem energetischen/materiellen Aspekt der Wirklichkeit die Fundamentalität nicht so leicht abgesprochen werden kann – einmal mit Blick auf die Allgemeine Relativitätstheorie und einmal mit Blick auf das oben vorgebrachte Argument, dass aus einem reinen Absoluten, welches nicht über die Eigenschaft des Relativen verfügt, etwas Relatives hervorgehen kann. Und sagt uns nicht auch der Energieerhaltungssatz der Physik, dass auch der energetische Aspekt der Wirklichkeit in seiner Totalität etwas Überzeitliches ist, also etwas, das weder erzeugt, noch zerstört werden kann? Die Gesamtenergie eines abgeschlossenen Systems ist eine Erhaltungsgröße, das heißt, sie ändert sich nicht mit der Zeit. Energie kann weder erzeugt noch zerstört werden. Daraus ist zu schließen, dass gerade jener Aspekt der Wirklichkeit, der sich durch unaufhörliche Prozesshaftigkeit und Entwicklung in der Zeit auszeichnet, ebenso fundamental sein muss. Es ist gerade ebenjene Eigenschaft der immer währenden Prozesshaftigkeit der Materie, die fundamental ist. In der Materie selbst ist keine ewige Identität im Sinne eines Absoluten zu finden, man kann lediglich indirekt aus ihr schließen, dass eine ewig identische, absolute Instanz – das Ich – ebenso existieren muss und dass Materie und Ich nicht getrennt voneinander gedacht werden können.

Die letzten Abschnitte waren ein offen ersichtliches Ringen um die definitorische Schärfe der Begriffe „Ich“, „Energie“ und „Singularität“ und ich merke abermals, wie mir deren Unterscheid-barkeit an deren äußersten Grenzen wie Sand zwischen den Fingern zerrinnt. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch ein mathematisches Problem, nämlich das der Division durch 0. Es stellt sich nämlich heraus, dass, um die Gültigkeit aller anderen Regeln der Mathematik zu erhalten, 0=1 gelten müsste, um durch 0 dividieren zu können. Da 0 offenbar nicht gleich 1 ist, wird das Ergebnis einer Division durch 0 als nicht definiert bezeichnet. Es ist keine logisch widerspruchsfreie Lösung möglich. Doch da wir hier ohnehin schon über die zweiwertige Logik hinweg sind, können wir doch einfach mal ganz frech fragen: Was wäre denn, wenn dieses 0=1 uns auf eine reale Gegebenheit am Grunde der Realität aufmerksam macht? Das Problem der Division durch 0 erinnert mich stark an das Zusammenbrechen der zweiwertigen Logik und der Unentscheidbarkeit hinsichtlich des Fundaments der Wirklichkeit im Sinne eines Entweder-Oder, der paradoxen gleichzeitigen Identität (0=1) und Nicht-Identität (0≠1) von Materie (1) und Ich (0), von Absolutem und Relativem. Auch folgende Assoziationen liegen nahe: Gibt es nur ein Ich (0) oder viele verschiedene Ichs (1)? Ist ein Photon Welle (0) oder Teilchen (1)? Ist Wirklichkeit nicht ausgedehnt (0) oder ausgedehnt (1)? Ja (0=1)!

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1 Denn wenn dieser Prozess laut der reinen Kopenhagener Deutung tatsächlich bewusstseinsunabhängig sein soll und „Messung“ ausschließlich „Wechselwirkung“ bedeutet, also kein bewusstes messendes bzw. intentionales Wesen benötigt, dann müssten doch die Photonen auch mit den Teilchen in der Schlitzwand wechselwirken und ein dementsprechendes Muster erzeugen, nicht nur mit den Teilchen im Detektor. Aber vielleicht fehlt mir da auch das nötige Detailwissen.

2 Hier wäre natürlich eine tiefergehende Untersuchung der verschiedenen Interpretationen der Quanten-mechanik lohnenswert, also der De-Broglie-Bohm-Theorie, der Viele Welten-Theorie und der derzeit dominanten Kopenhagener Deutung, auch im Hinblick auf das Ich. Da dies zu weit weg vom Fokus des Essays führen würde, werde ich dies aber an dieser Stelle nicht tun.