Wer bin ich? Was ist die Welt? Was ist Sinn?

Kategorie: Philosophie der Physik (Seite 1 von 2)

Mein Gespräch bei Thanatos TV

Im August 2022 sprach ich mit Jennifer Nejo für Thanatos TV zu meiner philosophischen Arbeit. Die Hauptthemen des Gesprächs waren das Ich, der ontologische Status von Sinn (Ist Sinn real?) sowie die Realität von Nahtod- und anderen spirituellen Erfahrungen. Zu der Zusammenarbeit kam es, weil ich 2020 den Gründer und Betreiber von Thanatos TV, Werner Huemer, im Zuge der Recherche für meine Bachelorarbeit kontaktiert hatte. Er bat mich, ihm meine fertige Bachelorarbeit zuzusenden. Nachdem er sie gelesen hatte, fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, ihm ein Interview dazu zu geben. Ich verneinte dies zunächst, weil ich mich noch nicht firm genug in meiner eigenen Position fühlte, aber wir verblieben so, dass ich mich melden würde, wenn es so weit sei. Er vermittelte mir 2021 auch den Kontakt zu Jennifer Nejo, mit der mich seitdem ein wunderbarer, außergewöhnlich inspirierender Austausch verbindet. 2022 schließlich, als die erste Fassung meines Essays und damit meine philosophische Position auf ausreichend stabilen Beinen für eine öffentliche Präsentation stand, war es so weit und wir verabredeten uns für ein Gespräch im Thanatos TV Studio. Das Ergebnis sehen Sie hier.

Es war sowohl mein erstes Interview zu meiner Arbeit als auch vor der Kamera und ich war reichlich aufgeregt, daher finden sich in dem, was ich sage, zwei Flüchtigkeitsfehler. Nobody’s perfect, es ist nur blöderweise so, dass sie den Sinn des Gemeinten ad absurdum führen. Deswegen möchte ich hier die entsprechenden Aussagen richtigstellen.

  1. Ich spreche bei Minute 11 darüber, dass ein verschränktes Teilchen sich in einer 14 Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie befinden kann, „kurz nach Beginn des Urknalls, kurz nach Stattfinden des Urknalls lokalisiert“ und das ist schlicht in der Aufregung durcheinander geratener Nonsens. Woran ich da gedacht habe und was ich da reingemischt habe, war, dass das älteste Licht, was uns erreichen kann, vor 14 Milliarden Lichtjahren gestartet ist, eben kurz nach Beginn des Urknalls, und dass die Objekte, von denen dieses Licht ausgeht, die am weitesten entfernten Objekte sind, die wir beobachten können. Aber in meinem Argument soll ja das verschränkte Partnerteilchen genau im selben Moment in einer 14 Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie sein, weil ich darauf hinaus will, dass trotzdem in genau demselben Moment, wo der Spin des einen Teilchens auf der Erde klar wird, der Spin des 14 Milliarden Lichtjahre entfernten Teilchens ebenso feststeht. Nur sagen tue ich das leider nicht, sondern ich sage es so, als wäre das andere Teilchen auch 14 Milliarden Jahre entfernt, also als läge es in der Vergangenheit. Dabei geht der springende Punkt der Sache verloren.
  2. In Minute 17 sage ich in Bezug auf die Aussagen „eins plus eins ist zwei“ und „eins plus eins ist drei“, die ich Frau Nejo und mir in den Mund lege: „Sie hätten nichts anderes sagen können als ich.“ Das Wörtchen „als“ ist falsch und irreführend, richtig wäre: „Sie hätten nichts anderes sagen können und ich auch nicht – denn wäre ein Determinismus der Fall, hätten weder Sie noch ich die denkerische oder erkenntnismäßige Freiheit gehabt, zu einem anderen Ergebnis zu kommen, weil jedes Glied in dieser Ereigniskette mit logischer Notwendigkeit so und nur so ablaufen könnte.“

So, nun, da dies klargestellt ist, wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Anschauen!

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Ein Zwiebelschalen-Universum

Dieser Beitrag schließt an an den Beitrag „Was uns Nahtoderlebnisse über die Beschaffenheit der Wirklichkeit verraten“ und ist – mit geringen Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch fassbar?“

Dieses Isolierter-Raum-Szenario könnte meines Erachtens tatsächlich nah an der Wirklichkeit sein: Phänomene wie Nahtoderfahrungen, Astralreisen und andere außerkörperliche Erfahrungen sind anthropologische Konstanten. Sie treten kultur- und zeitübergreifend auf und beinhalten allesamt die Erfahrung einer oftmals als weitaus realer wahrgenommenen Wirklichkeit jenseits der irdischen Realität. Es ist extrem unwahrscheinlich bis ausgeschlossen, dass diese Erfahrungen auf Gehirnzustände oder andere körpergebundene Faktoren zurückzuführen sind, da sie, wie oben beschrieben, auch auftreten, wenn der Körper einer Person hirntot ist. Sie müssten also von einer noch unbekannten und bis dato nicht messbaren Körperfunktion herrühren, wenn sie einen körperlichen Ursprung haben sollen. Ich halte diese Hypothese für unplausibel, auch weil es immer wieder vorkommt, dass Nahtoderfahrene nach ihrem Erlebnis von Dingen berichten, die sich während ihrer Bewusstlosigkeit zugetragen haben und sich der Inhalt dieser Berichte durch Dritte bestätigen lässt. Der Nahtodforschung ist inzwischen eine gehörige Menge von Berichten über genau dieses Phänomen bekannt. Wenn man nicht annehmen möchte, dass all jene Menschen, die von ähnlichen Phänomenen über alle Zeiten und Orte hinweg berichtet haben, lügen oder nachträglich halluzinieren1, muss man sich schon fragen, wo sich denn diese Erlebnisse abspielen.
Hier kommt die Idee eines mehrschichtigen Universums ins Spiel. Diese ist freilich nicht neu. So ist bereits in verschiedenen Schriften aus dem hinduistischen Religionskomplex von den lokas die Rede, verschiedenen Welten, in denen unsere Welt lediglich eine von vielen ist. Je nach Quelle werden drei, sieben, acht oder gar vierzehn Lokas unterschieden. Auch die Buddhisten kennen sechs verschiedene Daseinsbereiche. Die Kelten nahmen eine Anderswelt an, indigene Völker auf der ganzen Erde schicken ihre Heiler und Heilerinnen in eine wie auch immer vorgestellte Geisterwelt, um die dort angenommenen Ursachen von Krankheiten aufzuspüren und durch Interaktion mit dort ansässigen Wesen oder der Seele des Betroffenen die Gesundung herbeizuführen. Ohne nun auf die Konzepte und ihre Plausibilität im Einzelnen eingehen zu wollen, will ich an dieser Stelle kons-tatieren, dass die Annahme anderer Welten jenseits der unseren ebenso eine anthropologische Konstante ist, ebenso wie die Erfahrungsberichte von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, sich in welcher Form auch immer in einer anderen Welt aufgehalten zu haben oder in Abwesenheit jeglicher dafür relevanter Körperfunktionen sinnliche Wahrnehmungen von Geschehnissen in „unserer“ Welt gehabt zu haben, weil sie sich mit einem anderen, irgendwie feineren Körper außerhalb ihres menschlichen Körpers wiederfanden. Es wird mit wachsendem Kenntnisstand immer unplausibler, diese Phänomene als bloße Halluzinationen oder irrationalen Glauben weg-zuerklären oder sie gar gänzlich zu ignorieren. Die bisher gesammelte Beweislast drängt uns zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit ihnen. Freilich ist es angesichts ihrer ebenso offensicht-lich vorhandenen empirischen Evidenz ebenso unplausibel, unsere bisherigen naturwissenschaft-lichen Erkenntnisse über den Haufen zu werfen und wieder zu einem rein mythologischen Weltbild zurückzukehren. Daher scheint für mich der vernünftigste Umgang damit zu sein, nach einem Weg zu suchen, der die oben genannten Phänomene in Einklang mit unserem derzeitigen naturwissen-schaftlichen Erkenntnisstand bringt, ohne auf der einen Seite die objektive Realität der Phänomene zu leugnen oder auf der anderen Seite unser naturwissenschaftliches Weltbild mit seiner logischen Strenge aufzugeben. Mit anderen Worten: Wir brauchen kein Entweder-Oder-Weltbild, sondern ein Sowohl-Als-Auch-Weltbild.
Darüber, wie dieses Sowohl-Als-Auch aussehen könnte, habe ich mir auch schon einige Gedanken gemacht. So bin ich auf folgende Idee gekommen, die mir bisher am plausibelsten erscheint: Möglicherweise besteht das Universum aus mehreren Schichten, von denen jede Schicht eine andere Basiskonfiguration auf der Planck-Skala hat. Die Planck-Skala beschreibt die Ebene der kleinstmöglichen Einheiten, in denen physikalische Vorgänge stattfinden können. Sie sind die Grenze der Anwendbarkeit der physikalischen Gesetze und ergeben sich aus den Werten der Naturkonstanten wie der Gravitationskonstante, dem Planckschen Wirkungsquantum und der Lichtgeschwindigkeit. Zum Beispiel markiert die Planck-Zeit die kleinstmögliche Zeiteinheit, für die die uns bekannten physikalischen Gesetze gültig sind. Ihr Wert beträgt ca. 5.391247(60) x 10-44 Sekunden. Sie sehr, sehr kurz zu nennen, wäre also eine gnadenlose Untertreibung. Doch vielleicht haben die Naturkonstanten in einer etwaigen weiteren Schicht des Universums andere Werte. Wenn dort deswegen nun der Wert der Planck-Zeit nur ein wenig kleiner wäre und dementsprechend auch alle anderen Planck-Einheiten, könnten diese Schichten dann nicht wie „ineinander“ existieren, ohne dass sie sich in die Quere kämen, ohne dass die schneller schwingenden Schichten für die jeweils langsamer schwingenden Schichten physikalisch nachweisbar wären, weil wir durch die Werte unserer Naturkonstanten die dafür erforderliche Stärke der Auflösung (um in einer Metapher der digitalen Fotografie zu sprechen) nicht erreichen könnten? Könnten nicht Gefühle und Gedanken in einer solchen Schicht oder mehrerer dieser Schichten ihren Ursprung haben und dort als Entität mit objektiv wahrnehmbarer Außenseite beheimatet sein? Möglicherweise haben sie eine charakteristische Geometrie bzw. Topologie, ein charakteristisches Schwingungsmuster, eine charakteristische Progression in der Zeit, einen charakteristischen Wirkzusammenhang mit anderen Gedanken bzw. Gefühlen. So wie physikalische Entitäten dieser Wirklichkeitsebene miteinander interagieren können, so können es möglicherweise auch die Gefühl- und Gedankenentitäten. Diese wahrnehmbare Außenseite müsste allerdings auch unserem Leib zugehörig sein, wenn wir doch diejenigen sind, die sie von innen wahrnehmen. Es würde bedeuten, dass wir auch in jener Schicht respektive jenen Schichten leiblich anwesend sind. Der Leib der anderen Ebenen müsste dabei nicht notwendig dieselbe Form aufweisen wie unser diesseitiger Leib. Doch wenn wir auch in diesen Schichten leiblich anwesend sind, würde sich natürlich die Frage stellen, warum wir zumindest ihren innerlichen Aspekt auch hier auf dieser Ebene wahrnehmen beziehungsweise warum wir nur ihren innerlichen Aspekt wahrnehmen, nicht aber von außen auf sie schauen können (abgesehen von jenem Teil, der auch in dieser Schicht in Form von Gehirnströmen und anderen physiologischen Messwerten zu sehen ist), so wie wir ja auch von außen auf unseren normalen Leib schauen können. Eine naheliegende Antwort wäre anzunehmen, dass der Leib der anderen Schicht(en) keine Sinnes-organe aufweist und dementsprechend dort keine Augen vorhanden sind, die einen solchen Leib erblicken könnten. Es könnte sich aber auch anders verhalten und auch hier könnte das Ich wieder die Antwort sein. Als Singularität befindet es sich jenseits der Raumzeit und jenseits der Materie und ist daher auch nicht an eine einzige Ebene gebunden. Es müsste daher auch, sollten diese weiteren Schichten existieren und sollten dort ebenso Aspekte unserer Leiblichkeit existieren, auf die anderen Schichten zugreifen können. Es ist möglicherweise lediglich eine Frage der Konzentration und der Gewohnheit, mit welchen Aspekten der eigenen Leiblichkeit man sich identifiziert oder welche Schichten man wahrnimmt – und demnach auch, in welcher Welt man sich bewegt. Mystische Erfahrungen wie Nahtoderfahrungen oder Visionen nach Genuss von psychoaktiven Substanzen könnten dadurch zustandekommen, dass sie irgendwie eine Verschie-bung der Konzentration bewirken bzw. einen aus den eingefahrenen Gewohnheiten herauslösen und wir durch die Singularität unseres Ich instantan in eine andere Wirklichkeitsebene „reisen“ – oder durch eine Erweiterung unserer Konzentrationsfähigkeit gar mehrere Ebenen gleichzeitig wahrnehmen. Auch das obige Zitat aus der Studie über Nahtoderlebnisse beschreibt eine fortdauernde sinnliche Wahrnehmung der Personen nach dem Hirntod. Auch in Abwesenheit der Funktion unserer physischen Sinnesorgane sind uns ganz offenbar sinnliche Wahrnehmungen möglich. Möglicherweise könnten sich auch Träume auf einer dieser Ebenen abspielen – wobei es ja zuallermeist so zu sein scheint, dass die Wesen, denen wir im Traum begegnen, nicht real im Sinne eines echten Wesens mit je eigenem Ich sind, sondern es sind von uns selbst imaginierte Traumfiguren. Ein Traum scheint meist eher so etwas wie eine exklusive „Privatrealität“ zu sein. Dennoch würden wir in dieser Richtung vielleicht Erklärungen dafür finden, in welchem Raum Träume sich abspielen – diese Frage warf ich ja im Beitrag „Res extensa: Wissen wir wirklich, was Ausdehnung ist?“ bereits auf.
Ein solches Zwiebelschalen-Modell des Universums wäre auch ein plausibler Erklärungsansatz für andere grenzüberschreitende Phänomene wie mediale Kontakte mit Verstorbenen, die in der oben bereits erwähnten EREAMS-Studie prospektiv empirisch untersucht wurden, was äußerst starke Belege für die Authentizität der dort untersuchten Kontakte zutage förderte. Der Tod wäre, sollten sich die obigen Überlegungen als zutreffend erweisen, mithin nichts anderes als die Verschiebung der Konzentration auf die „höheren“ Aspekte der eigenen Leiblichkeit, während die Konzentration auf diejenige Materie, deren Einwohner man auf der Erde für die letzten Jahre war, dauerhaft aufgegeben wird, wodurch sie wieder frei wird für eine Neuorganisation durch andere Entitäten. Der Umstand, dass der diesseitige Körper einiger buddhistischer Mönche, die Meisterschaft in der Meditation erreichten, noch viele Jahre nach ihrem diesseitigen Ableben nicht verwest, ließe sich dann dadurch erklären, dass es ihnen durch ihre errungene Meisterschaft in der Meditation gelingt, die Konzentration und damit ihren Einfluss auf den diesseitigen Leib noch Jahre nach ihrem Fortgang aufrecht zu erhalten. Interessant hierzu ist, sich bewusst zu machen, wie Meditation in den traditionellen östlichen Schriften wie z.B. den altindischen Upanishaden oder dem buddhistischen Visuddhimagga gelehrt wird: Dort gilt als Meditation im Wesentlichen das Schulen und Schärfen der Konzentration, genauer gesagt das einpünktige (Stichwort Singularität!) Fokussieren der Aufmerksamkeit entweder auf ein Meditationsobjekt oder auf eine Körperstelle, sodass man schlussendlich in einen Zustand vollkommener Verstandesstille gelangt.
Ein Beispiel für solch einen Meister der Meditation, dessen Körper nicht verwest und offenbar auch Lebensäußerungen zeigt, obwohl er nicht im herkömmlichen Sinne lebendig ist, ist der buddhistische Mönch Dashi Dorjo Itigilow. Am 04.07.2007 wurde dieser Fall vom Online-Magazin „Spektrum.de“ unter dem Titel „Toter Mönch verwest nicht“ thematisiert. Es gibt noch einige weitere Beispiele nicht verwesender buddhistischer Mönche, aber auch von insbesondere Heiligen anderer Kulturkreise, deren Körper nicht verwesen, wie z.B. die katholischen Heiligen Bernadette Soubirous oder Teresa von Ávila. Während sich manche Fälle von Unverweslichkeit durch den heutigen Stand der Wissenschaft vollkommen hinreichend erklären lassen, ist es bei den oben namentlich genannten und auch einigen anderen Fällen nicht möglich, dies mithilfe unseres heutigen Wissensstandes zu erklären.

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1 Auch der Begriff „Halluzination“ birgt Diskussionspotential, denn man kann, wie es zum Beispiel der Neurologe Prof. Dr. Wilfried Kuhn tut, infrage stellen, inwieweit die Verknüpfung „Halluzination = irreal“ tatsächlich gültig ist.

Was uns Nahtoderlebnisse über die Beschaffenheit der Wirklichkeit verraten

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch fassbar?“ schließt an an eine Passage im Buch, in der ich postuliere, dass Materie immer sowohl einen physischen als auch einen psychischen Aspekt hat, dass diese zwei Seiten derselben Medaille (also co-extensiv) sind und dass es demnach so etwas wie eine erlebnis- und bewusstseinsunabhängige Materie nicht gibt. Ich vertrete damit eine panpsychistische Position. Während ich im Buch ausführlich darlege, warum ich dies annehme, belasse ich es hier bei dem Postulat, im Bewusstsein, dass das natürlich eine steile These ist.

Wir könnten nun annehmen, dass wir mit den korrelierenden Gehirn- und Körperzuständen schon die Außenseite von Gefühlen und Gedanken vollständig erkannt haben. Zunächst scheint es keinen Grund zu geben, eine darüber hinaus gehende, bis dato unerkannte objektive Seite von Gefühlen und Gedanken anzunehmen. Die empirische Nahtodforschung liefert jedoch starke Indizien dafür, dass Gehirn- und andere Körperzustände allein nicht den vollständigen objektiven Aspekt der Gedanken und Gefühle bilden können. Deren Studienergebnisse legen ein kontinuierliches phänomenales Erleben auch außerhalb des Körpers und unabhängig vom Gehirn nahe, wie sich am Beispiel einiger Fälle klaren Bewusstseins trotz des medizinisch festgestellten Hirntods nachweisen ließ:

„From these studies we know that in our prospective study as well as in the other studies of patients who have been clinically dead (VF on the ECG), total lack of electric activity of the cortex of the brain (flat EEG) must have been the only possibility, but also the abolition of brainstem activity […] is a clinical finding in those patients. However, patients with an NDE can report a clear consciousness, in which cognitive functioning, emotion, sense of identity, and memory from early childhood was possible, as well as perception from a position out and above their “dead” body.“

Van Lommel, Pim: About the Continuity of Our Consciousness, In: Brain Death and Disorders of Consciousness. Machado, C. and Shewmon, D.A., Eds. New York, Boston, Dordrecht, London, Moscow: Kluwer Academic/ Plenum Publishers, Advances in Experimental Medicine and Biology Adv Exp Med Biol. 2004; 550: 115-132; S. 7

Eine kurze Anmerkung zum Status der empirischen Nahtodforschung in der Wissenschaft: Die empirische Nahtodforschung hat im wissenschaftlichen Diskurs derzeit ein Außenseiterdasein inne. Ihr Außenseiterdasein ist meines Erachtens eher auf ideologische als auf fachliche Gründe zurück-zuführen. Innerhalb der reduktionstisch-physikalistisch geprägten Wissenschaftsgemeinde treffen alternative Hypothesen zur Frage, was Bewusstsein ist, auf Voreingenommenheit. Zum einen liegt dies sicher daran, dass die Nahtodforschung und ihr Postulat eines überdauernden, immateriellen Bewusstseins dem derzeit dominanten physikalistischen Paradigma widersprechen. Zum anderen vermute ich, dass ihre Forschungsergebnisse – unberechtigterweise – Befürchtungen aufrufen, dass man durch ihre Anerkennung in einen vormodernen religiösen Glauben zurückfallen und damit die Säulen der (post)modernen Gesellschaftsordnung untergraben könnte. So ist eine Begegnung mit Lichtwesen oder auch mit Gott respektive einer göttlichen Kraft ein immer wiederkehrendes Element in Nahtoderfahrungen. Mit Gott aber wird in den durch die abrahamitischen Religionen geprägten Ländern auch immer die Existenz der Hölle und der ewigen Verdammnis von Sündern verbunden, die von Gott höchstpersönlich in die Hölle verbannt werden – potentiell für verschie-denste auch kleine Vergehen, die zu vermeiden für gewöhnliche Menschen nahezu unmöglich ist. Ebenso wird mit Gott durch die Lehren der institutionalisierten Religionen eine Leib- und Sexualfeindlichkeit verbunden sowie die strenge Unterordnung der Frau unter ihren Ehemann, dem sie als von ihm abkünftiges Wesen zu Gehorsam und Dienst verpflichtet ist. All dies und andere Grausamkeiten wie die gnadenlose Bestrafung von sogenannten Heiden oder die Behandlung von heidnischen Frauen als recht- und seelenlose Objekte sexueller Lustbefriedigung (rechtgläubige Frauen sind aufgrund ihres sündigen Geschlechts rechtlich freilich auch nicht so viel besser gestellt, werden aber wenigstens als beseelte Menschen angesehen und können auf den Lohn Gottes nach erfolgter Hingabe in ihre gottgegebene Stellung unterhalb des Mannes hoffen), die Gott laut Bibel, Thora oder Koran gutheißt und zu denen er die Menschen anstiftet, sind Aspekte, von denen man sich in einem rationalen Weltbild nur allzu gerne verabschiedet hat. Doch bestätigen Nahtoderlebnisse diese furchtbaren Dogmen und angeblichen Charakterzüge Gottes nicht!1 Im Gegenteil sind die meisten Nahtoderfahrenen nach ihrem Erlebnis zwar spiritueller und gläubiger als noch vor ihrem Erlebnis, wenden sich aber oft von institutionalisierten Religionen ab.Die Nahtodforschung steht nicht im Widerspruch zu bisherigen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern erweitert sie lediglich. In der hier zitierten Studie, die selbstverständlich offen einzusehen ist, finde ich weder methodische Fehler noch unzulässige Interpretationen der gewonnenen Daten, die es plausibel machen würden, ihre Legitimität grundsätzlich in Zweifel zu ziehen. Ebenso kann ich keine religiösen Postulate oder gar Forderungen feststellen, ein bestimmtes Glaubenssystem unhinterfragt zu übernehmen. Es werden lediglich die empirisch gewonnenen Daten auf rational nachvollziehbare Weise interpretiert. Die nach Meinung des Autoren und auch in meinen Augen wahrscheinlichste Hypothese, die sich daraus ergibt, ist, dass das Bewusstsein einer Person nicht an den physischen Körper gebunden sein kann. Angenommen also, dass hier valide Ergebnisse ermittelt wurden, können Gehirnzustände unmöglich den vollständigen objektiven Aspekt von Gefühlen, Gedanken und Wahrnehmungen darstellen, wenn diese der Person auch während Phasen des Hirntodes erhalten bleiben. Um tiefer in eine Evaluierung der Beweiskraft von Nahtoderfahrungen und anderen außeralltäglichen Bewusstseinsphänomenen in Bezug auf ein Überleben des Bewusstseins nach dem Tode einzutauchen, empfehle ich den Essay „Climbing Mount Evidence“ von Dr. Michael Nahm und die EREAMS-Studie von Prof. Dr. Oliver Lazar, deren Ergebnisse er in seinem Buch „Jenseits von Materie“ zusammengefasst hat. Auch der schwedische Philosoph Jens Amberts argumentiert dafür, dass ein Leben nach dem Tode des physischen Körpers als „empirisch gesichert“ betrachtet werden kann. Er vergleicht dazu die Erlebnisse von Nahtoderfahrenen mit dem Szenario eines Raumes, welcher vollständig von der umgebenden Welt isoliert ist, sodass keinerlei Signal herauszudringen vermag und auch keinerlei Instrumente die Wände des Raumes überwinden könnten, um Informationen über die Gegebenheiten innerhalb des Raumes zu gewinnen. Von Zeit zu Zeit dürften aber ein paar Ausgewählte in diesen Raum gehen, ihn erforschen und anschließend über ihre Forschungsergebnisse berichten. Wenn nun die Berichte einer ausreichenden Anzahl von Menschen über die Gegebenheiten in diesem Raum miteinander übereinstimmen, wäre es vernünftig, wenn wir die dortigen Gegebenhei-ten als empirisch gesichert betrachten würden, selbst wenn diese sonderbar in dem Sinne wären, dass sie beispielsweise unserem aktuellen Verständnis der Naturgesetze widersprächen. In letzterem Falle bräuchte man eine noch höhere Anzahl von übereinstimmenden Berichten und idealerweise auch eine ausreichende Anzahl von entsprechenden Berichten sowohl von Menschen, die mit einer skeptischen Haltung in die Erforschung des Raumes gegangen seien als auch von Menschen, deren Bericht aufgrund ihrer besonderen fachlichen Qualifikation ein hohes Ausmaß an Verlässlichkeit habe. Sei dies gegeben, könne man auch dann die dortigen Gegebenheiten als empirisch gesichert annehmen. Genau dies, so Amberts, sei im Falle von Nahtoderfahrungen der Fall. Es gebe eine ausreichende Anzahl an übereinstimmenden verlässlichen Berichten und dass diese in der Wissen-schaft nicht im breiten Maßstab anerkannt würden, sei entweder das Resultat von Ignoranz, Irrationalität oder beidem.2

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1 Es gibt aber definitiv auch sogenannte Höllenerfahrungen, nur konnte ich in ihnen keine Hinweise darauf ausmachen, dass die Menschen durch Gott in die Hölle geworfen wurden bzw. dass eine externe Kraft ihnen dies als Strafe auferlegt. Viel eher scheint sich die Hypothese zu erhärten, dass sie durch ihren eigenen Bewusstseinszustand, ihre innere Haltung zur Welt und zu sich selbst oder auch infolge ihrer eigenen Taten in diese Bereiche gelangen. (In einem Artikel des Autors Benjamin Bruel mit dem Titel „Am Abgrund zur Hölle: die dunkle Seite von Nahtoderfahrungen“, welcher am 02.11.2016 online in der Zeitschrift „Vice“ erschien, sind entsprechende Erfahrungen und ihr Kontext zusammengefasst.) Bei Letzterem scheint zwar schon ein Tun-Ergehens-Zusammenhang vorzuliegen. Jedoch obliegt das Tun der Verantwortung des Handelnden und das darauf folgende Ergehen wird nicht durch Gott oder eine andere externe richtende Kraft initiiert. Es wird immer wieder die Erfahrung gemacht, dass man von Engeln, Heiligen oder religiösen Führerfiguren wie Jesus Christus aus den Höllenbereichen gerettet wird. Gott, Lichtwesen und Engel werden nicht als strafend oder wertend erlebt, sondern als bedingungslos liebend. Freilich berührt auch dies einige sensible Punkte der Theodizee-Problematik und grundsätzlich wird das Thema der Höllenerfahrungen viel zu wenig diskutiert. Es scheint mit großen Tabus belegt zu sein. Dennoch will ich es an dieser Stelle aufgrund der zu großen thematischen Abweichung nicht diskutieren.

2 Vgl. Amberts, J. (2022). Why an afterlife obviously exists: A thought experiment and realer than real near-death experiences, New Alresford, Hampshire: Iff Books

Was ist Raumzeit?

Dieser Beitrag schließt an den Beitrag „Was ist Materie?“ an und ist (mit geringen, dem Format geschuldeten Abwandlungen) ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Es gibt viele Ansätze, sich dem Phänomen der Raumzeit ontologisch zu nähern. Dem heute dominanten physikalistischen Paradigma am nächsten ist wohl die relationistische Interpretation der Raumzeit. So wie das Wesen einer Entität allein durch ihre dynamischen Relationen bzw. ihre kausale Rolle im Zusammenhang mit anderen Entitäten definiert ist – siehe hier -, so ist auch die Raumzeit eben nichts anderes als die Darstellung der dynamischen Relationen von (materiellen respektive energetischen) Entitäten zueinander. Allein diese Entitäten sind als real zu betrachten. Albert Einstein vertrat diese Auffassung und machte sie sehr anschaulich in folgender Aussage:

„Man kann es scherzhaft so ausdrücken. Wenn ich alle Dinge aus der Welt verschwinden lasse, so bleibt nach Newton der Galileische Trägheitsraum, nach meiner Auffassung aber nichts übrig.“

Albert Einstein in einem Brief an Karl Schwarzschild, Berlin 9.1.1916, ges. in Kober, Martin (2010): Über die Beziehung der begrifflichen Grundlagen der Quantentheorie und der Allgemeinen Relativitätstheorie, Saarbrücken: Suedwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften, S.47

Ist es wirklich das, was die Allgemeine Relativitätstheorie über die Natur der Raumzeit nahelegt? Zunächst scheint es so: Das grundlegende Prinzip der Allgemeinen Relativitätstheorie ist das der Diffeomorphismeninvarianz oder auch Hintergrundunabhängigkeit: Sie postuliert, dass es einen absoluten, statischen Raum bzw. eine absolute, statische Raumzeit, auf der sich alle anderen relativen Dinge abspielen, nicht gibt. Die Metrik der Raumzeit selbst ist eine dynamische Größe, die relativistischen Effekten unterliegt. Angesichts dessen ergeben sich aber für mich zwei Fragen: Wie kann es dann sein, dass etwas, was doch keine eigenständige Entität ist, Effekten unterliegen kann? Wie kann es sein, dass an einer fiktionalen Entität eine Wirkung ausgelöst werden kann? Gut, nun kann man sagen, das ist nur ein Taschenspielertrick der Mathematik, indem sie eine fiktionale Hilfsentität postuliert, die ebenso fiktionalen Effekten unterliegt, weil dies explanatorisch nützlich ist, um das Verhalten von Materie zu beschreiben.

Doch dass dies nicht so einfach behauptet werden kann, zeigt die Problematik der Expansion: Wie kann etwas, das keine eigenständige Existenz hat, Moment für Moment expandieren? Was expandiert denn dann da? Eine fiktionale Entität und in Wahrheit bewegen sich doch nur materielle Objekte relativ zueinander? Denn das muss man doch annehmen, wenn man annimmt, dass nur Materie real ist. Doch dann müsste man annehmen, dass sich weit entfernte kosmische Objekte mit Überlichtgeschwindigkeit von uns wegbewegen. Dafür wiederum müsste man annehmen, dass die Allgemeine Relativitätstheorie und deren zentrales Postulat, dass nämlich die Lichtgeschwindigkeit die höchstmögliche Geschwindigkeit innerhalb der Raumzeit ist, falsch ist. Da sie aber ganz offenbar eine sehr präzise Theorie ist, die in unzähligen Fällen experimentell bestätigt wurde und noch immer wird, ist das keine gute Idee. Also sollten wir uns besser an den Gedanken gewöhnen, dass die Raumzeit wirklich existiert, wenn wir nicht die Allgemeine Relativitätstheorie über den Haufen werfen wollen. Dementsprechend lautet auch der heutige Konsens unter Astrophysikern, dass die Raumzeit selbst expandiert. Die Raumzeit selbst ist nämlich nicht an die kosmische Geschwindigkeitsbeschränkung gebunden, diese gilt nur innerhalb der Raumzeit. Zwar wird sie laut Standardmodell der Kosmologie angetrieben durch eine hypothetische Dunkle Energie, aber dennoch ist es Raumzeit, die expandiert und nicht Materie, von der die Bewegung herrührt.

Bei ihrer Ausdehnung begleitet die Raumzeit noch eine Kosmologische Konstante, genannt Lambda (Λ). Diese Variable repräsentiert, so die gängige Interpretation, die Energiedichte des Vakuums, die, wie der Name schon sagt, konstant bleibt. Anders als alle anderen Energieformen dünnt sie nicht aus, wenn ihr Trägervolumen vergrößert wird. Man kann im Falle des Verhältnisses von Vakuumenergie und Raumzeit streng genommen gar nicht von Energie im Verhältnis zum Trägervolumen sprechen, denn sie ist nicht zu trennen von jener Entität, die expandiert. Sie ist ein intrinsischer, irreduzibler Aspekt der Raumzeit. Also quillt mit der frischen Raumzeit in jedem Moment zwangsläufig ebenso frische Energie ins Universum, die aber von so grundlegend anderer Natur zu sein scheint als die gewöhnliche Energie. Sie ist unauflöslich an ihr Trägervolumen gekoppelt und weder räumlich noch zeitlich veränderlich. Mir stellt sich die Frage, ob diese Energie, die sich damit in so wesentlichen Eigenschaften von der gewöhnlichen Energie unterscheidet, wirklich den Namen „Energie“ verdient hat. Ja, man kann sie messen, wie man auch die gewöhnliche Energie misst. Aber normalerweise zeichnet sich Energie wesenhaft durch ihre räumliche und zeitliche Veränderlichkeit aus sowie dadurch, dass sie sich innerhalb eines Trägervolumens bewegen kann und bei Vergrößerung desselben ausdünnt. Ich glaube daher nicht, dass wir es bei der Entität, deren Wert wir durch die Kosmologische Konstante Λ bestimmen, wirklich mit Energie im ursprünglichen Wortsinne zu tun haben. Wenn das stimmt, hätte dies auch die angenehme Folge, dass die Streitfrage, ob die Expansion der Raumzeit und die mit ihr verbundene vermeintliche Neuentstehung von Energie den Energieerhaltungssatz verletzt, geklärt wäre, und zwar insofern, dass hier in Wahrheit gar keine Energie vorliegt und dass für das, was da entsteht, der Energieerhaltungssatz keine Gültigkeit hat. Für mich scheidet daher auch die in Physikerkreisen oft angedachte Assoziation der Vakuumenergie mit dem Quantenvakuum aus. Diese Identifikation ist, sofern ich das beurteilen kann, Usus in der Physik. Wenn sie wirklich identisch wären, dann müssten in der Vakuumenergie Fluktuationen auftreten und damit wäre sie nicht gefeit vor Effekten wie dem Unruh-Effekt oder der Hawking-Strahlung, welche dann ebenso ganz klar wieder Fragen im Zusammenhang mit dem Energieerhaltungssatz aufwerfen würden. Aber wenn die Vakuumenergie gar nicht identisch ist mit dem Quantenvakuum und folglich auch nichts in ihr fluktuiert, würde sich dieses Problem gar nicht erst ergeben.

Ebenfalls mit Λ und zugleich mit dem Quantenvakuum (was ja als identisch gedacht wird) wird häufig die hypothetische Dunkle Energie assoziiert oder auch identifiziert, welche wie schon erwähnt im derzeitigen Standardmodell der Kosmologie für die Expansion des Universums verantwortlich gemacht wird, indem sie einen antigravitativen Effekt ausüben und dadurch die Raumzeit dazu zwingen soll, zu expandieren anstatt sich, wie in Anwesenheit gewöhnlicher Energie, zu krümmen. Fakt ist, dass die Expansion des Universums tatsächlich mit Λ gut beschrieben werden kann, dementsprechend gehe ich wie viele Physiker stark davon aus, dass die Dunkle Energie mit diesem Lambda identisch ist. Daher gilt für mich auch: Ich glaube nicht, dass die Dunkle Energie wirklich Energie ist, da ich Λ wie oben erwähnt nicht für Energie halte. Dementsprechend halte ich die Dunkle Energie auch nicht für identisch mit dem Quantenvakuum.

Die Tätigkeit der Expansion ist vielleicht eher eine grundlegende Eigenschaft der Raumzeit selbst, für die sie keiner antigravitativ wirkenden Energie bedarf. Mann könnte Raumzeit möglicherweise als eine Entität interpretieren, deren natürliches Verhalten in Abwesenheit von Energie/Materie das der Expansion ist (zumindest bis dato), die nur durch die Anwesenheit von Energie/Materie verlangsamt oder auch gar umgekehrt werden kann. Wenn sie nicht wie im physikalismusnahen Relationismus als fiktionale Entität angesehen wird, spricht auch nichts dagegen, dass sie der Energie gegenüber eigenständige Fähigkeiten verfügt. Dann bräuchte es nicht das Postulat einer Dunklen Energie, welches im Konflikt mit dem Energieerhaltungssatz steht: Denn wenn eine mysteriöse Dunkle Energie für das beständige Hervorquellen neuer Raumzeit verantwortlich ist, könnte man meinen, dass sie das nur unter Missachtung der Energieerhaltung tun kann, weil ja mit jedem Kubikmeter neuer Raumzeit auch eine konstante Menge neuer Energie ins Universum kommt. Zumindest gehen einige Wissenschaftler davon aus, dass die Dunkle Energie ein Beweis für die Ungültigkeit des Energieerhaltungssatzes ist. Zwar gibt es auch Wissenschaftler, die dafür argumentieren, dass der Energieerhaltungssatz durch die Dunkle Energie nicht verletzt sei, zum Beispiel der theoretische Astrophysiker Matthias Bartelmann, doch bis heute wird dies kontrovers diskutiert. Was ist aber, wenn die Frage „Verletzt die Dunkle Energie den Energieerhaltungssatz oder nicht?“ vollkommen am Kern des Problems vorbeigeht, weil hier gar nicht Energie, sondern eine eigenständige Eigenschaft der Raumzeit am Werke ist? Die Expansion könnte auch als intrinsisches Verhalten der Raumzeit selbst gedacht werden, welches durch den empirisch ermittelten Wert von Λ mit in die Berechnungen einbezogen werden kann. Doch scheint es Menschen offenbar schwer zu fallen, sich vorzustellen, dass auch etwas, was nicht energetischer/materieller Natur ist, einen Effekt ausüben kann – eine offenbar physikalistische Überzeugung, sei sie bewusst oder unbewusst.

Auch die Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie scheinen mir vor dem Hintergrund einer relationistischen Interpretation der Raumzeit wenig Sinn zu ergeben. Diese weisen folgende Sinnstruktur auf: Energie/Materie = Geometrie der Raumzeit (bzw. Gravitationsfeld). Das bedeutet: Die Energie/Materie diktiert der Raumzeit, wie sie sich zu krümmen hat, die Raumzeit diktiert der Energie, wie sie sich zu bewegen hat. Von einer rein relationistischen Perspektive müsste die Krümmung der Raumzeit streng genommen als die Krümmung einer fiktionalen Entität betrachtet werden und die rechte Seite der Gleichungen käme mithin der Beschreibung des Verhaltens einer fiktionalen Entität gleich. Die Aussage der Gleichungen liefe dann auf Folgendes hinaus: Materie/Energie = fiktionale Geometrie einer fiktionalen Entität. Also in Wahrheit wäre dann da keine Raumzeit, die eine spezielle Geometrie hat, die die Bewegungen der Materie diktiert, sondern da wären nur die Objekte, die sich so bewegen, als ob ihren Bewegungen eine spezielle, wohldefinierte Geometrie zugrunde läge, die von ihren Eigenschaften und den Eigenschaften der Objekte abhängen, mit denen sie sich in Relation befinden. Aber wenn sie sich doch so bewegen, als ob dem eine spezielle, wohldefinierte Geometrie zugrunde läge, dann liegt diese Geometrie der Bewegung nicht im Konjunktiv, sondern im Indikativ zugrunde! Die Bewegung ist ja genau so beobachtbar und berechenbar! Warum ist die Raumzeit in den Augen des Relationismus dann fiktional? Weil sie kein Sein in dem Sinne hat, dass sie eine materielle respektive energetische Substanz ist und nur materielle und energetische Dinge real sind?

Nun darf man aber nicht vergessen, dass die relationistische Sichtweise der Raumzeit meist im Zusammenhang mit einem erkenntnistheoretischen Konstruktivismus steht. Relationisten würden also, wenn sie wirklich konsequent sind, gar nicht von der Realität irgendwelcher Dinge oder von der Wahrheit irgendwelcher Theorien sprechen, sondern so etwas sagen wie: Die Allgemeine Relativitätstheorie ist nicht wahr in dem Sinne, dass sie das Sein der Dinge wahrheitsgemäß wiedergibt – zum wahren Sein der Dinge können wir grundsätzlich keine Aussagen machen -, sie ist nur nützlich. Und wenn sie jetzt eine Raumzeit postuliert, dann ist das nur ein menschliches Konstrukt, um das Verhalten von massebehafteten Objekten zueinander zu beschreiben und zu prognostizieren. Es wird eine Eigenschaft, die eigentlich in der Materie selbst liegt, gewissermaßen über diesen Trick der Raumzeit anschaulich gemacht, ausgelagert. Diese Sichtweise ist aus zweierlei Hinsicht problematisch: Wenn wir Raumzeit als Konstrukt betrachten, dann müssen wir konsequenterweise den Aspekt der Materie, so wie sie in der Allgemeinen Relativitätstheorie formuliert und charakterisiert wird, auch als Konstrukt betrachten. Dann wäre alles gleichberechtigt fiktional bzw. konstruiert. Es leuchtet mir nicht ein, warum nur das eine als fiktionale Entität betrachtet werden soll, die anderen beteiligten Konstituenten der Theorie aber nicht. Es kann wohl niemand bestreiten, dass die linke Seite der Gleichung genau so nützlich ist wie die rechte. Wie kommt es dann, dass nur der einen Seite der Gleichung ontologische Realität zugesprochen wird bzw. diese als wahrscheinlicher angenommen wird als die ontologische Realität der anderen Seite der Gleichung? Weil wir Materie sehen und anfassen können, die Raumzeit zwischen zwei Objekten aber nicht? Aber haben Sie schonmal versucht, ohne Raumzeit zu sehen? Oder irgendetwas ohne Raumzeit zu tun? Stellen Sie sich mal vor, alle Materie sei in einem Punkt ohne jegliche raumzeitliche Ausdehnung enthalten. Ohne Raumzeit ist nichts mit diskreten Objekten, die man voneinander durch ihre raumzeitliche Distanz unterscheiden kann! Da ist auch nichts mit „man“ im Sinne von in einem Universum beheimateten, erfahrenden Lebewesen, denn diese brauchen eine gewisse Ausdehnung und vor allem Abstand beziehungsweise eine Relation zu anderen materiellen Entitäten, um existieren und erfahren zu können. Um es etwas scherzhaft zu formulieren: Sie dürfen nicht bis zur Ausdehnungslosigkeit aneinandergequetscht sein, sondern brauchen auch mal etwas Raum und Zeit für sich, um bei sich selbst anzukommen und die eigenen Grenzen zu spüren. Ohne den Raum zwischen materiellen Objekten und ohne die Zeit zwischen zwei Ereignissen wird ein Phänomen namens Kosmos wohl ziemlich schwierig zu realisieren sein. Es ist ja gerade die diskrete Zurückhaltung und Offenheit der Raumzeit, die uns den nötigen Erfahrungsraum und auch die nötige Zeit für die Erfahrung der materiellen Realität bietet. Demnach kann ich es nicht nachvollziehen, wie man den Raum zwischen zwei Objekten und die Zeit, in der sich Ereignisse abspielen, für fiktional oder ontologisch unnötig oder auch nur nicht fundamental halten kann. Die Raumzeit ist meines Erachtens völlig offensichtlich ein notwendiger und realer Bestandteil der Wirklichkeit. Es ist ja nunmal wirklich auch Raum zwischen den Objekten des Universums vorhanden, sie sind nicht alle in einem einzigen Punkt ohne raumzeitliche Ausdehnung konzentriert. Es ist keine Fiktion, dass wir einen Raum zwischen den Objekten und einen zeitlichen Abstand zwischen verschiedenen Ereignissen haben, das ist eine unerlässliche Grundlage unserer Realität.

Erschwerend zugunsten der Realität der Raumzeit kommt noch ein weiterer empirischer Umstand, der ja eben schon angesprochen wurde: Die Raumzeit expandiert, und wir müssen annehmen, dass wirklich die Raumzeit expandiert, wenn wir die Allgemeine Relativitätstheorie vor dem Kollaps retten wollen. Gut, auch da könnte man nun sagen: Das sagt uns auch nichts über die ontologische Realität der Raumzeit, sondern das ist derzeit unsere nützlichste Erklärung. Eine andere Erklärung zu finden, wäre mit zu hohen Kosten verbunden (nämlich der Aufgabe der Allgemeinen Relativitätstheorie) und die Expansion der Raumzeit anzunehmen war diejenige Erklärungsmöglichkeit, die die Theorie retten konnte. Aber auch da gilt wieder die obige Argumentation: Wenn wir schon die ontologische Realität der Raumzeit in Zweifel ziehen, weil wir sie stattdessen nur als nützliches logisches Konstrukt bezeichnen wollen, dann müssen wir dies fairerweise auch für alle anderen beteiligten Faktoren gelten lassen, weil wir keinerlei Unterschied in ihrer Nützlichkeit sowohl innerhalb der Theorie als auch in der Wirklichkeit ausmachen können und sie offensichtlich alle gleich notwendig sind.

Hier geht es weiter…

Was ist Materie?

Dieser Text schließt an den Beitrag „0 = 1 : Das Zusammenbrechen der zweiwertigen Logik am Grunde der Wirklichkeit“ an und ist – mit dem Format entsprechenden Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Nun haben wir bis hierhin festgestellt, dass nicht nur das Ich, sondern offenbar auch Energie bzw. Materie fundamental ist. Doch was ist Materie eigentlich? Um mich der Antwort auf diese Frage anzunähern, möchte ich zunächst einmal beleuchten, was aus naturwissenschaftlicher Sicht bisher über die Eigenschaften von Energie bzw. Materie bekannt ist. Es folgt ein Zitat aus dem Buch „Urknall, Weltall und das Leben“, verfasst von den bekannten Physikern Prof. Dr. Josef Gaßner und Prof. Dr. Harald Lesch:

„Protonen und Neutronen bestehen aus jeweils drei Quarks und einer Vielzahl masseloser, punktförmiger Teilchen, die eine anziehende Kraft ausüben, was ihnen die Bezeichnung Gluonen (englisch glue = kleben) eingebracht hat. Damit sind wir bei unserer Suche nach dem Phänomen „Masse“ am innersten Matroschka angelangt: den Quarks – genauer gesagt bei den Up- und Down-Quarks. Unglücklicherweise ergeben deren Massen jedoch weniger als ein Hundertstel der Protonen- beziehungsweise Neutronenmasse. Schlimmer noch, wenn die theoretische Physik recht behält, sind selbst diese geringen Massen der Quarks, ebenso wie die sämtlicher Elementarteilchen, de facto null. Der Eindruck massebehafteter Elementarteilchen entsteht demnach durch ein überall vorhandenes „zähes“ Etwas, das ihrer Beschleunigung entgegenwirkt. Wir nennen es das Higgsfeld, nach einem der sechs Begründer dieser Theorie, dem schottischen Physiker Peter Higgs. […] Je tiefer wir in die Materiestruktur vordringen, umso mehr rinnt uns das Phänomen „Masse“ wie Sand durch die Finger […], weil die Masse der Materie gar nicht aus Masse besteht, sondern aus der Bewegungs- und Bindungsenergie der beteiligten Substruktur und der Kopplung an ein geheimnisvolles Higgsfeld. Es bleibt die Erkenntnis: Masse entspricht nicht nur einer bestimmten Energie gemäß E = mc², Masse ist Energie und die Bewegungsenergie der masselosen Gluonen trägt den Löwenanteil dazu bei. […] Alles ist Energie. […] Enrico Fermi entdeckte, dass es unter den mikroskopischen Teilchen zwei Lager gibt, abhängig von einer quantenmechanischen Eigenschaft, dem Spin. Die einen, die Bosonen, kann man beliebig auf engstem Raum zusammendrängen, während die anderen, die Fermionen, diese Geselligkeit vermissen lassen. Letztere setzen näher rückenden identischen Teilchen einen sogenannten Fermidruck entgegen, eine Art „Klaustrophobie“, mit der sie ein Mindestmaß an Raum für sich beanspruchen. Zusätzlich stoßen sich Teilchen aufgrund gleichnamiger Ladungen ab, so dass beide Effekte zusammengenommen eine Barriere entstehen lassen, an der wir uns den Kopf anschlagen. Die Zutaten

  • Energie
  • elektrische Ladung
  • Kopplung an ein überall präsentes Higgsfeld und
  • das klaustrophobische Verhalten der weniger geselligen Sorte beider Teilchenarten

„gerinnen“ zu etwas Handfestem, das wir Materie nennen.“

Harald Lesch, Josef M. Gassner (2014): Urknall, Weltall und das Leben. Vom Nichts bis heute Morgen; München: Komplett Media Verlag

Bevor ich auf das obige Zitat inhaltlich eingehe, möchte ich eine Anmerkung zum Higgsfeld bzw. zu seinem zugehörigen Feldquant, dem Higgs-Boson, machen. Es hat laut gängiger Meinung seine Masse aus sich heraus, oder, um es vorsichtiger zu formulieren, entzieht sich der Ursprung seiner Masse der derzeitigen Kenntnis. Außerdem kann es von allen Teilchen mit Masse erzeugt und vernichtet werden, wobei es erst das Higgs-Feld ist, das diesen Teilchen ihre Masse verleiht.
Nun möchte ich den Gehalt des obigen Zitats in Berücksichtigung der Ergänzungen über Higgsfeld und Higgs-Boson noch einmal in etwas überspitzter Form wiedergeben: Eine wodurch auch immer verursachte Anregung von energetischen Feldern ergibt ein Etwas, was wir Teilchen nennen, was aber eigentlich punktförmig (also unendlich klein) und masselos ist. Der Eindruck von Masse entsteht dadurch, dass diese masselose Entität an ein anderes Feld koppelt, welches aber irgendwie „zäh“ wirkt und dem Teilchen dadurch eine messbare Ruhemasse gibt. Im Teilchenbeschleuniger können derart massebehaftete Teilchen Higgs-Bosonen erzeugen und vernichten. Dieses Higgs-Boson hat aber die Masse aus sich heraus, woher auch immer es das hat und was auch immer Masse ist. Denn muss ein Feld nicht erstmal als masselos angesehen werden? Oder kann das Higgsfeld selbst auch Masse haben? Nun ja, aber auch das würde das Problem der Masse auch nur einen weiteren Schritt nach hinten verschieben, denn dann müsste man sich fragen, woher denn das Feld seine Masse hat. Doch weiter im Text: Dazu kommt noch, dass diese mysteriösen Entitäten, die erst masselos sind, aber durch eine Wechselwirkung mit dem Higgsfeld irgendwie massebehaftet werden, über etwas verfügen, was man „elektrische Ladung“ und „Spin“ nennt, was sie zusätzlich auf spezifische Weise zueinander verhalten lässt und das nennt man dann Materie. Auch hier, am Grunde der Physik liegt die oben schon besprochene Dynamik vor: Aus Nicht-Masse wird Masse, aus etwas Nichtausgedehntem (Punkte) wird etwas Ausgedehntes (dreidimensionale bzw. vierdimensionale Objekte, zählt man die Zeit dazu). Alle Kritiker des Substanzdualismus müssten angesichts des derzeitigen Wissenschaftsstands Schnappatmung bekommen! Wie kann es sein, dass eine nichtausgedehnte Entität mit einer ausgedehnten Entität interagiert? Und wie wird aus einem Haufen unausgedehnter Entitäten ein ausgedehntes Objekt? Keine Ahnung, aber die Mathematik sagt, es läuft genau so, also shut up and calculate?! Nun, vielleicht liegt in genau dieser Aussage, die zunächst wie eine geistige Bankrotterklärung klingt, doch eine tiefe Weisheit, die noch ihrer Bergung harrt. Auch hier könnte die Mathematik respektive die Logik der Schlüssel zum Verständnis sein, nur anders als bisher gedacht.
Doch vorerst abermals weiter in Sachen Higgs-Boson: Wir haben mit dem Higgs-Boson eine Entität, deren Eigenschaft der Masse sich jeder weiteren, noch grundlegenderen Erklärung entzieht. Auch Energie (da Energie nichts anderes ist als Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat) stellt sich hier ganz offenbar als eine grundlegende Entität dar, die nicht als Abkünftiges aus noch grundlegenderen Entitäten beschrieben werden kann. Freilich ändern sich ganz offenbar die Formen von Energie/Materie ständig, womit diese definitiv als nicht fundamental gelten können. Die Formen der Energie/Materie sind, wie bereits festgestellt, vergänglich und veränderlich! Aber Energie/Materie an sich muss zu den Fundamentalien der Wirklichkeit gehören. Denn die Unmöglichkeit, etwas noch Grundlegenderes zu finden, aus dem Masse ein Abkünftiges ist, erinnert an die Identität des Ich mit sich selbst. Wenn man fragt „Wer bin ich?“, dann kann die Antwort nur lauten „Ich bin ich“. Genau so scheint es zu sein, wenn man fragt „Was ist Energie?“ oder „Was ist Masse?“. Auch hier kann die Antwort nur lauten: „Energie ist Energie“ oder „Masse ist Masse“ oder „Energie ist Masse“. Und da wir festgestellt haben, dass sowohl Energie als auch Ich zwei fundamentale Aspekte des Ur-Einen sein müssen und sich vielleicht auch ineinander transformieren können, wäre auch die Aussage „Ich bin Energie/Masse“ korrekt. Bin ich also doch identisch mit Materie? Ja, aber nicht nur. Ich bin auch nur ich. Ich bin also gleichzeitig nur mit mir identisch. Da haben wir wieder das altbekannte Problem mit der zweiwertigen Logik. Es erinnert auch an das paradoxe Verhältnis zwischen Gravitation und den drei weiteren Grundkräften Elektromagnetismus, schwache Kraft und starke Kraft. Die eine scheint von grundlegend anderer Art zu sein und sich nicht für die Begrenzungen und Regeln der Energie zu interessieren. Sie marschiert einfach hindurch. Gleichzeitig wirkt sie in dieser Welt der Energie, zwar nicht als materielle Kraft mit den entsprechenden Überträgerteilchen, den Bosonen, sondern als Krümmung der Raumzeit selbst, aber sie übt einen Effekt aus. Sie kann also Einfluss auf Materie ausüben, und zwar, indem sie die Raumzeit selbst formt, in der die Materie interagiert. Wie genau man sich meines Erachtens das Verhältnis von Gravitation zu den anderen drei Grundkräften vorstellen kann, bespreche ich ab Kapitel 4.5 (in meinem Buch). Vorher muss aber erst einmal geklärt werden, was überhaupt das Wesen der Raumzeit ist und welchen ontologischen Status sie hat. Wir haben bis hierhin festgestellt, dass sowohl das Ich als auch Energie fundamental sind. Doch welchem Reich gehört eigentlich die Raumzeit an? Und was ist Raumzeit überhaupt?

Der infinite Progress des (Super-)Determinismus

Dieser Beitrag schließt an den Beitrag „Superposition und Nonlokalität als Beweis für die Fundamentalität der Logik“ an und ist ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Es gibt Menschen, denen die Deutung der Quantenverschränkung mittels der Nonlokalität nicht zusagt. Während ich noch von niemandem erfahren habe, der oder die es direkt problematisiert oder auch nur anmerkt, dass hier offenbar postuliert wird, dass Entitäten aus reiner Logik das materielle Geschehen bestimmen, so sind manche Menschen doch nicht davon überzeugt, dass Phänomene wie Nonlokalität und Superposition wirklich mit den Postulaten der Allgemeinen Relativitätstheorie verträglich sind. Sie sind der Auffassung, dass das kosmische Maximum der Lichtgeschwindigkeit und die damit einhergehende strikte Lokalisiertheit von kausal verbundenen Phänomenen durch das Postulat von Nonlokalität und Superposition verletzt wird und bemühen daher eine deterministische Deutung der Quantenmechanik.
Eine deterministische Deutung der Welt inklusive der Quantenmechanik nennt sich Super-determinismus. Die Physikerin Prof. Dr. Sabine Hossenfelder ist eine der prominentesten Vertreterinnen dieser Theorie. Die Bezeichnung „Superdeterminismus“ ist allerdings ein wenig irreführend, da er sich strukturell durch nichts vom üblichen Determinismus auszeichnet. Er erstreckt sich lediglich explizit auch auf die Phänomene der Quantenmechanik und die Korrelationen zwischen Messungen und dem Gemessenen. Wirklich sehr grob vereinfacht besagt er Folgendes: Die Bedingungen für alles, was jemals existierte und existieren wird, wurden ein für alle Mal beim Urknall festgelegt, inklusive aller Quantenphänomene. Es ist seit dem Urknall klar, welches Teil-chen welchen Ort einnehmen wird, welches Teilchen wann zerfallen wird, welches Experiment von wem wann durchgeführt wird und wer was dabei beobachtet und so weiter. Es gibt auch Vertreter des Superdeterminismus, die eine Art Finalursächlichkeit oder Retrokausalität postulieren, demzufolge die Ursache für den Ablauf aller Dinge in der Zukunft liegt.
Es gibt nur ein grundlegendes Problem mit dem Determinismus, und das ist seine Eigenschaft, in letzter Konsequenz alle Möglichkeit der Erkenntnis und der Unterscheidungskraft und letztlich auch die Aussagekraft der Logik selbst lahmzulegen. Er sägt sich also – ähnlich wie der Physikalismus – den eigenen Ast ab. Wenn ich nun annehme, dass alles – von woher auch immer, ob aus der Zukunft oder vom Urknall her – vollkommen vorherbestimmt ist, dass alles einem absolut notwendigen Ablauf unterliegt, so verschwindet die Aussagekraft jeglicher Prädikate wie „ist wahr“, „ist nützlich“, „ist nicht wahr“, „ist logisch konsistent“, „ist logisch widersprüchlich“ etc.. Denn egal was ich sage und egal was ich schreibe, alles unterliegt einem notwendigen Ablauf, von dem abzuweichen unmöglich ist. Das bedeutet, die Behauptungen in diesem Text sind vom exakt gleichen (onto-)logischen Wert wie die Aussagen eines Textes, der den Aussagen hier total widerspricht. Auch ein Text, den wir als logisch widersprüchlich bezeichnen würden, hätte den gleichen logischen Wert, denn er folgte aus der gleichen absoluten Notwendigkeit wie der Text, der logisch kohärent daherkommt. Wenn ein Mensch ausrechnet, dass 1+1=2 ist, hätte es den gleichen ontologischen Wert wie wenn ein Mensch ausrechnen würde, dass 1+1=3 ist, da beide Rechnungen mit Notwendigkeit aus der ersten Ursache folgen und so und nur so vollzogen werden konnten. Auch die Aussagekraft von ethischen Erwägungen wäre untergraben: Ein Kult, der auf blindem Gehorsam und der Praxis von Menschenopfern beruht, hätte exakt den gleichen ethischen Wert wie eine Naturwissenschaft, die sich auf Vernunft und Evidenz beruft. Beide würden mit Notwendigkeit aus den Bedingungen des einen Urereignis folgen. Ethische Bewertungen wie „ist irrational und inhuman“ und „ist vernünftig und bringt die Menschheit weiter“ hätten keinerlei Wert und wären qualitativ dasselbe, weil sie alle mit Notwendigkeit aus den Bedingungen des einen Urereignisses folgen würden. Der Mörder hätte denselben ethischen Wert wie der selbstlos Helfende, der gerichtliche Freispruch eines Mörders läge auf derselben Ebene der Notwendigkeit wie dessen Verurteilung und so weiter. Auch das, was Sie, die Sie diesen Text jetzt lesen, denken, hätte nichts Kreatives an sich und das Urteil, was Sie sich über das hier Geschriebene bilden würden, wäre vom Gesichtspunkt der Wahrheit völlig irrelevant, weil sie mit Notwendigkeit dieses und nur dieses eine Urteil über diesen Text denken könnten. Überhaupt wäre Wahrheit nur, dass alles mit Notwen-digkeit abläuft. Ja, sogar dass Sie diesen Text lesen, hat nichts Freies an sich, sondern war vorherbestimmt, genau so wie dieser Text mit Notwendigkeit so und nur so geschrieben werden konnte. Mit anderen Worten: Es ist alles vorherbestimmt. In letzter Konsequenz ist der Determinismus ein fatalistischer Schicksalsglaube im rationalen Gewand. Nun kann man an diese schicksalhafte Vorherbestimmung natürlich glauben, muss man aber nicht. Allerdings wären beide Optionen (die Entscheidung, es zu glauben oder die Entscheidung, es nicht zu glauben) von einem deterministischen Standpunkt aus ohnehin schon vorherbestimmt. Die logische Figur, die aus der Annahme des Determinismus entsteht, ist ein infiniter Progress. Es ist unmöglich, ihr zu entweichen. Darum erinnert sie an einen Wahn. Ein Wahn zeichnet sich ebenso wie diese Denkfigur durch Unkorrigierbarkeit aus – es sei denn, man kehrt an die Wurzel seiner Entstehung zurück. Kehren wir an die Wurzel der Entstehung des Determinismus zurück, so stellen wir fest, dass er entstand, nachdem ein Mensch nach der logisch kohärentesten Erklärung für das Geschehen in der Welt gesucht hat. Hier war also schon der Anspruch auf die Gültigkeit der Logik vorausgesetzt. Während des Durchexerzierens dieser Denkfigur konnte festgestellt werden, dass die Logik im Verlaufe selbst ihren Sinn verliert bzw. sich gewissermaßen selbst in einer unendlichen Rekursion gefangen hält. Man könnte noch versuchen, den Determinismus zu retten, indem man sagt, dass das Anliegen, die logisch kohärenteste Erklärung für das Geschehen in der Welt zu finden, selbst eine notwendige Folge des Urknalls (oder der Finalursache) war – nichts anderes impliziert ja der Determinismus. Nur müsste man dafür wieder die Gültigkeit der Logik akzeptieren, da dies ein logischer Schluss ist. Wenn man aber die Gültigkeit der Logik akzeptiert und sieht, dass im konsequenten Durchdenken des Determinismus die Logik jegliche Aussagekraft verliert, dann muss man daraus schließen, dass der Determinismus logisch widersprüchlich ist und somit als geeignetes Weltdeutungsmodell ausscheidet.

Superposition und Nonlokalität als Beweis für die Fundamentalität der Logik

Dieser Beitrag schließt an den Beitrag „Was ist Raumzeit?“ an und ist ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Auch weitere Phänomene in der Physik lassen selbst der heute üblichen Interpretation zufolge keinen anderen Schluss zu als dass es noch eine weitere fundamentale Eigenschaft der Wirklichkeit geben muss, die unterscheidbar sowohl von der Materie als auch vom Ich sein muss – und gleichzeitig unauflöslich mit ihnen zusammengehört, sodass eine Unterscheidung im Sinne einer zweiwertigen Logik wiederum unmöglich ist:

  1. Superposition: Es müssen am Grunde der Materie, wenn man die Kopenhagener Deutung zugrunde legt, Wellen aus reiner Wahrscheinlichkeit miteinander interagieren, was eine rein logische Operation ist, denn unterhalb der Quanten gibt es laut derzeitigem Wissensstand keine kleineren Materieeinheiten, die Trägermedium dieser Wellen sein könnten. Es entscheidet also eine rein logische Operation darüber, wie sich das Materieteilchen verhält bzw. wo genau es sich dann zeigt. Und ebenso ist es reine Logik, die darüber entscheidet, dass ein Teilchenensemble sich in Abwesenheit einer Messung im Doppelspaltexperiment als Interferenzmuster zeigt und in Anwesenheit einer Messung eben als Ansammlung diskreter Teilchen. Oder man sagt, okay, dann ist es vor dem Kollaps eben doch eine Materiewelle. Es ist kein Problem, wenn diese miteinander interagieren. Nur dann müssen wir wieder akzeptieren, dass etwas gleichzeitig Welle und Teilchen sein kann. Als ich dieses Beispiel angeführt habe, wollte ich meine These untermauern, dass unsere Welt offenbar Unentscheidbarkeiten aufweist, die ontologischer Natur sind und wir akzeptieren müssen, dass am Grunde der Wirklichkeit die zweiwertige Logik zusammenbricht – also es fundamental unentscheidbar ist, ob ein Elementarteilchen Welle oder Teilchen ist, in Analogie dazu, dass es fundamental unentscheidbar ist, ob die Aussage „Es gibt nur ein Ich“ oder die Aussage „Es gibt viele verschiedene Ichs“ wahr ist. Dabei zielte ich eher darauf ab, dass man akzeptieren müsse, dass Materie in ihrer kleinstmöglichen Form (Materie-)Welle und (Materie-)Teilchen zugleich sein kann. Nun, nach einigen weiteren Überlegungen über den ontologischen Status der Logik ergibt sich eine interessante Wendung: Hier liegt zwar ganz offenbar eine fundamentale Unentscheidbarkeit im Sinne einer zweiwertigen Logik vor, nur nicht innerhalb der Materie, sondern zwischen zwei fundamentalontologischen Entitäten, völlig analog zu der fundamentalen Unentscheidbarkeit zur Frage der Identität oder Nichtidentität von Ich und Energie/Materie: Es scheint ebenso nicht im Sinne einer zweiwertigen Logik entscheidbar zu sein, ob Energie/Materie und Logik identisch oder voneinander verschieden sind. Am Grunde der Wirklichkeit sehen wir ein Verhalten von Materie, welches uns zeigt, dass Materie und Logik zwar zwei voneinander unterscheidbare Prinzipien sind, die aber offenbar nur zusammen gedacht werden können. Da wir festgestellt haben, dass auch Ich und Energie/Materie zwar unterscheidbar sind, jedoch intrinsisch zusammengehören, zeichnet sich nun eine Art fundamentalontologische Trinität ab: Ich, Energie/Materie und Logik.
  2. Quantenverschränkung: Wird bei einem von zwei miteinander verschränkten Elementarteilchen, deren Spin vor einer Messung der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation unterliegt, der Spin durch eine Messung bestimmt, ist damit auch der Spin des anderen Teilchens instantan und simultan determiniert, unabhängig davon, welche Entfernung die Teilchen zueinander haben. Wird der Spin des einen Teilchens eines verschränkten Teilchenpaares auf der Erde als Down-Spin identifiziert, kann sich das andere Teilchen des verschränkten Paares in einer Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie befinden und legt sich dennoch im selben Moment als Up-Spin fest. Dies scheint zunächst dem Kernpostulat der Allgemeinen Relativitätstheorie zu widersprechen, ist doch die Lichtgeschwindigkeit die höchstmögliche Geschwindigkeit, mit der Information innerhalb der Raumzeit übertragen werden kann. Doch wird im Falle der Bestimmung des Spins keine Information im klassischen Sinne übertragen, was bedeuten würde, dass Information mit einem Trägermedium die Raumzeit durchqueren muss. Die kurz gefasste Erklärung ist jene, dass die beiden verschränkten Teilchen unter dem Aspekt ihres Spins eine Einheit bzw. ein Ganzes sind. Die beiden Teilchen bleiben unter dem Aspekt des Spins ein Ganzes, egal, wo sie sich im Einzelnen gerade befinden. Diese Eigenschaft oder Fähigkeit der Teilchen nennt man Nonlokalität. Da der Spin eines verschränkten „Teilchenganzen“ aus zwei Einzelteilchen niemals gleich sein kann, weil er zusammen-genommen immer Null ergeben muss, muss immer ein Teilchen Up-Spin und das andere Down-Spin haben. Daher ist im Moment des Messprozesses des einen Teilchens instantan klar, welchen Spin das andere Teilchen haben muss. Es muss also keine Information im klassischen Sinne übertragen bzw. keine Wirkung im klassischen Sinne verursacht werden. Auch dies birgt, konsequent zu Ende gedacht, wieder die ungeheuerliche Implikation, dass rein mathematische bzw. logische Vorgänge die Gesetze der Materie und der Raumzeit zu transzendieren vermögen bzw. ihr vorausgehen, da ja auch hier wieder der logische Vorgang erst zur Konstitution bzw. Definition der Materie führt und dies unabhängig von der raumzeitlichen Entfernung der durch sie definierten Teilchen zu tun vermag. Möglicherweise ist es die Raumzeit selbst, die Träger und Ursprung der nonlokalen Instantanwirkung ist. Sie selbst ist ja nicht an die Gesetze gebunden, die innerhalb von ihr gelten, wie ja schon die Ausführungen zur Expansion des Universums gezeigt haben.

Ich folgere aus den oben genannten Beispielen: Logik muss real sein und ihr muss eine onto-logische Wirksamkeit zugesprochen werden. Sie muss fundamental sein in dem Sinne, als dass sie eine nicht auf noch grundlegendere Entitäten reduzierbare Funktion in der Konstitution des Kosmos innehat. Sie ist nicht den Gesetzen der Raumzeit unterworfen, kann also nichts sein, was sich innerhalb der Raumzeit befindet, also energetischer/materieller Natur ist.

Eine tiefere Betrachtung der Logik und ihrer Verbindung zur Raumzeit möchte ich nach einem kleinen Einschub zum Determinismus anstellen, der an dieser Stelle aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Diskussion zum Phänomen der Nonlokalität geboten ist.

Das Ich als echte Singularität

Dieser Text schließt an den Beitrag „Res cogitans: Ist phänomenales Erleben ausgedehnt?“ an und ist – mit dem Format entsprechenden Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Es gibt starke Gründe dafür, das personal einheitliche Ich-Empfinden im mathematischen Sinne als echte Singularität aufzufassen. Sowohl das Ich als auch echte Singularitäten weisen auffallende Parallelen auf: Beide sind absolut und irreduzibel und Rechenoperationen wie Division, Multiplikation, Addition oder Subtraktion sind nicht sinnvoll auf sie anwendbar. Bei den mathematischen Singularitäten sind sie nicht definiert, das Ich zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht teilbar (Division), reduzierbar (Subtraktion) oder mit anderen Ichs summierbar (Multiplikation und Addition) ist. Anderenfalls wäre die rede von einem Ich nicht mehr sinnvoll, da es sich dadurch auszeichnet, dass es fundamental mit sich und nur mit sich identisch ist.

Die Urknall-Singularität ist offensichtlich in der Lage, das Universum zu instantiieren. Unser Ich ist, wie gezeigt wurde, der fundamentale, unhinterschreitbare Bezugspunkt all unseren Welterlebens. Wir kommen nicht hinter unser Ich. Ist es damit nicht der geeignete Kandidat für eine Instantiierungsebene? Muss man möglicherweise einfach nur die Urknall-Theorie dahingehend erweitern, als dass die Singularität, die das Universum instantiiert, „ich“ zu sich „sagt“? Dann bräuchte es kein neues Konzept, nur eine Neuinterpretation des bereits Erkannten. Singularität und Ich sind einander so ähnlich, dass ich dazu tendiere.

Der Klarheit halber möchte ich auch Folgendes erwähnen, was etwas trivial klingt: Wir Menschen sind ganz offensichtlich keine schwarzen Löcher. Die echte Singularität des Ich scheint also nicht in der Form aufzutreten, dass eine Masseansammlung sich auf derart kleinem Raum zusammenballt, dass die Krümmung der Raumzeit an dieser Stelle einen unendlichen Wert annimmt. Im Gegenteil ist sie ja nicht als Resultat einer spezifischen Form der Masseansammlung zu betrachten (das war ja ein Kernpunkt meiner ganzen bisherigen Argumentation), sondern ist schon immer jenseits dessen. Allerdings gibt es auch begründete Zweifel an der Auffassung, dass eine lokale Masseansammlung die Krümmung der Raumzeit verursacht in dem Sinne, dass sie ihr vorausgeht. Fruchtbarer scheint es zu sein, Raumzeit-Krümmung und Masseansammlung simultan zu denken. Auch gibt es Grund zur Annahme, dass das Ich in irgendeiner Weise mit der Gravitation assoziiert ist. Beides führe ich in Kapitel 4.5. meines Buches aus. Mögliche Ansätze dafür, wie genau das Ich im Rahmen einer mathematischen Theorie (freilich nie wirklich einholbar, aber indirekt in Form einer echten Singularität) schematisch dargestellt werden kann, stelle ich in Kapitel 4.8. dar.

Wie können wir uns eine Welt vorstellen, deren Ursprung das Ich ist? Bin dann alles ich? Oder gibt es unendlich viele verschiedene Ichs, die alle gemeinsam die Welt instantiieren? Wir werden sehen, dass uns die Klarheit der Antwort auf diese Fragen ebenso wie Sand zwischen den Händen zerrinnt wie schon bei der Suche nach einer Definition von Ausdehnung und Nicht-Ausdehnung, von Absolutem und Relativem. Dies liegt am Wesen der Singularität, angesichts derer die zweiwertige Logik, also das Entweder-Oder, einfach zusammenbricht. Dennoch können wir, wenn wir gerade dieses Zerrinnen und In-eins-Fallen an den Grenzen unserer Wirklichkeit als gegeben akzeptieren, innerhalb dieser Grenzbedingungen neue Erkenntnisse von erstaunlicher Klarheit gewinnen – und feststellen, dass das Zusammenbrechen der zweiwertigen Logik gewissermaßen Alltag für uns alle ist.

Res cogitans: Ist phänomenales Erleben ausgedehnt?

Dieser Text schließt an den Beitrag „Res extensa: Wissen wir wirklich, was Ausdehnung ist?“ an und ist – mit dem Format entsprechenden Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Ich möchte noch einmal darauf zurückkommen, warum ich glaube, dass das phänomenale Erleben auch als irgendwie dem Modus „ausgedehnt“ angehörig gesehen werden kann: Auch wenn das phänomenale Erleben selbst nicht sinnvoll in physikalischen Größen wie Größe, Masse, Ladung etc. erfasst werden kann, so bezieht es sich doch unmittelbar oder mittelbar auf etwas, das diese Dimensionen besitzt und/oder auf die Inhalte phänomenalen Erlebens eines anderen Subjekts. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen: Mein Erleben des Tisches vor mir ist nicht 80 Zentimeter breit, 40 Zentimeter tief und 60 Zentimeter hoch, wiegt nicht 5 Kilogramm und besteht nicht aus Holz, aber ich erlebe genau diese Attribute des Tisches ebenso wie seine Farbe, Haptik und andere sinnlich wahrnehmbare Eigenschaften. Allein deswegen bekommt mein Erleben schon relationalen Charakter, und zwar einen, der unmittelbar mit den physischen Eigenschaften des erlebten Objekts korreliert.* Mein Erlebnisraum und der physische Raum sind direkt aufeinander bezogen. Zumindest gehen wir davon aus, dass dem so ist, da wir sonst nicht sinnvoll sowohl empirische als auch theoretische Wissenschaft betreiben könnten. Diese basiert auf der Grundannahme, dass wir a) unseren Sinnesdaten insofern vertrauen können, als dass sie uns einen Eindruck zu vermitteln vermögen, der in irgendeiner Weise mit der Wirklichkeit korreliert und b) sich unsere Theorien sinnvoll auf diese anwenden lassen. Freilich will ich hier keinem naiven erkenntnistheoretischen Realismus das Wort reden, der annimmt, dass unsere Sinnesdaten uns immer wahre Eindrücke über die Wirklichkeit vermitteln und dass alles, was wir wahrnehmen, ein wahres Abbild der Wirklich-keit ist, aber derlei erkenntnistheoretische Fragen möchte ich in Kapitel 2 etwas näher beleuchten. Vorerst möchte ich es dabei belassen, worauf sich wohl sowohl erkenntnistheoretische Konstruk-tivistinnen als auch Realistinnen einigen können, weil diese Annahme Voraussetzung dafür ist, Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit als sinnvoll und gültig anerkennen zu können: Es gibt irgendeine Art von Korrelation zwischen Sinnesdaten und Wirklichkeit.
Eine Relationalität tritt auch beim Erleben der eigenen Gedanken und Gefühle auf, sowie beim Erleben der mitgeteilten oder mitgefühlten Gedanken und Gefühle einer anderen Person. Zum einen korrelieren die eigenen Gedanken und Gefühle immer auch mit körperlichen, also physikalischen Zuständen, z.B. des Gehirns, des Nervensystems, des Kreislaufs etc. (auch dieser These werden Konstruktivistinnen wie Realistinnen zustimmen), zum anderen beziehen sich Gedanken und Gefühle immer auf etwas oder auf jemanden, der diese Gedanken und Gefühle auslöst. Selbst wenn es nur Gedanken oder andere Gefühle, also reine Qualia waren, die das jetzige Gefühl auslösen, so beziehen sich diese Gefühle aufeinander, haben eine Relation zueinander; ergo können auch Qualia relativ sein. Ich glaube, dass es weiterführend sein könnte, genau aus diesen Gründen phänomenales Erleben als ausgedehnt zu betrachten – als eine Art „Erlebnisraum“, treffender noch eine „Erlebnis-raumzeit“: Phänomenales Erleben spielt sich immer in der Zeit ab, hat wechselnde Inhalte, ist immer ein Prozess, stellt immer eine Entwicklung dar. Das hat phänomenales Erleben mit dem physischen Aspekt der Wirklichkeit gemeinsam, der einen ebenso essentiellen temporalen und prozessualen Charakter aufweist.
Philip Goff wies im oben genannten Zitat darauf hin, dass es nötig sei, eine Instantiierungsebene für die physische Welt zu finden, deren kausale Struktur durch die Mathematik beschrieben werde. Bis hierhin dürfte deutlich geworden sein, dass wir mit dem phänomenalen Erleben an sich meines Erachtens nicht die gesuchte absolute Instanz gefunden haben, die eine geeignete Instantiierungs-ebene für die physische Welt ist. Viel mehr hat sich durch die obigen Überlegungen gezeigt, dass zusätzlich Bedarf für eine Instantiierungsebene des phänomenalen Erlebens besteht, und zwar, weil dies ebenso relational und prozessual ist wie die physischen Entitäten. In Anbetracht der weiter oben aufgezeigten offensichtlichen Wesensverwandtschaft von Physis und Psyche liegt es nahe, für sowohl den mentalen als auch den physischen Aspekt der Wirklichkeit eine gemeinsame Instantiierungsebene zu suchen.

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*Hier habe ich zur Verdeutlichung des Prinzips von sensorischen Täuschungen oder physischen Phänomenen jenseits der unmittelbaren Anschaulichkeit abgesehen, die zur korrekten Interpretation einen höheren mentalen Dekodierungsaufwand der durch die Sinne übermittelten Daten und/oder technische Hilfsmittel erfordern, um die Phänomene unseren Sinnen zugänglich zu machen. Auch Überzeugungen und emotionale Prägungen haben einen Einfluss auf die Weltwahrnehmung, und die sind bei jedem Menschen einzigartig. Dennoch kann man wohl mit Fug und Recht sagen, dass die Wahrnehmung der physischen Merkmale eines Tisches, einer Tasse, einer Straße oder einer Landschaft nicht derart dadurch beeinflusst wird, dass der eine Mensch einen Tisch beispielsweise als rund und der andere Mensch denselben Tisch als eckig wahrnimmt. Je nach individueller Prägung und Gemütslage wird man einen anderen Wahrnehmungs-fokus haben und dementsprechend werden die einen Menschen etwas wahrnehmen, was die anderen Menschen ausblenden und umgekehrt. Aber ich glaube, wir können davon ausgehen, dass bei entsprechender Lenkung der Aufmerksamkeit auf die ausgeblendeten Objekte alle Menschen unabhängig von ihrer Prägung und Gemütslage die physischen Merkmale eines Objekts identisch wahrnehmen, denn wir alle können uns intersubjektiv über beispielsweise Form, Farbe und Gewicht eines Objekts einig werden, selbst wenn wir zunächst unterschiedliche Terminologien benutzen würden. Es mag auch da Extremfälle, also Menschen mit extrem abweichender Wahrnehmung geben. Dennoch denke ich, dass wir uns zumindest im Mittel mit sehr großer Sicherheit auf die Zuverlässigkeit oder viel mehr die prinzipielle intersubjektive Übereinstimmung unserer Sinneswahrnehmungen verlassen können, wenn es um die Wahrnehmung von physischen Objekten geht.

Res extensa: Wissen wir wirklich, was Ausdehnung ist?

Dieser Text schließt an den Beitrag „Absolute Naturen in der Mathematik und Physik: Echte Singularitäten“ an und ist – mit dem Format entsprechenden Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Es gibt Anlass, das normalerweise implizit und unhinterfragt vorausgesetzte Postulat des kategorischen Unterschieds zwischen Ausgedehntsein und Nichtausgedehntsein zu hinterfragen. Die Urknall-Theorie basiert auf dem Postulat, dass aus etwas Nichtausgedehntem etwas Ausgedehntes entstehen kann. So ist das Universum laut kosmologischem Standardmodell aus einer Singularität entstanden. Wie soll man sich das vorstellen? Wie kann etwas Nichtausgedehntes etwas Ausgedehntes hervorbringen? Wenn man sich vergegenwärtigt, dass genau dies die gegenwärtig bevorzugte, weil empirisch außerordentlich gut belegte Theorie ist, kommt man nicht umher, in Betracht zu ziehen, dass aus „nicht ausgedehnt“ tatsächlich „ausgedehnt“ werden kann – auch für den umgekehrten Fall: aus vormals in Zeit und Raum ausgedehnter Materie wird, wenn Einstein Recht behält, unter entsprechenden Voraussetzungen eine nichtausgedehnte Singularität jenseits von Zeit und Raum im Zentrum eines Schwarzen Lochs. Das Gleiche trifft auf die Quantenfeldtheorien zu: Die Elementarteilchen werden dort als nichtausgedehnt, also punktförmig betrachtet. Auch experimentell konnte ihnen bisher kein von Null verschiedener Durchmesser nachgewiesen werden. Dennoch sind es genau diese „nichtausgedehnten“ Entitäten, aus denen unsere „ausgedehnte“ Wirklichkeit besteht. Für viele Physiker und Physikerinnen ist genau dies der Grund anzunehmen, dass Singularitäten das Anzeichen dafür sind, dass an dieser Stelle die Theorie zusammenbricht, also dass sie das ungültige Ergebnis einer an dieser Stelle nicht mehr anwendbaren Theorie sind.* Doch in Anbetracht dessen, dass all jene oben benannten Theorien in so vielen Aspekten so außerordentlich gut experimentell bestätigt sind, so viele höchst präzise Vorhersagen gemacht haben und es bisher keine vergleichbar explanatorisch starken Alternativen gibt, bin ich geneigt, ein Versagen auch an dieser Stelle nicht anzunehmen. Eher nehme ich an, dass es Gründe gibt, echte Singularitäten als notwendiges und wesentliches Element einer etwaigen Theory of Everything zu betrachten, doch darauf komme ich später zurück. Hier sei erst einmal mit ein wenig Vorschussvertrauen die Übereinstimmung der durch die oben genannten Theorien postulierten Singularitäten mit der Realität angenommen.** Vor diesem Hintergrund beginnt der Begriff des Ausgedehntseins seine vermeintliche Klarheit und seine Abgrenzung zum Nichtausgedehntsein zu verlieren: Was ist Ausgedehntsein, wenn es im Nichtausgedehntsein gegründet ist und auch wieder – siehe Schwarze Löcher – zu einem solchen werden kann? Was ist überhaupt Nichtausgedehntsein? Kann man plausibel von Nichtausgedehntsein sprechen, wenn der Begriff „Dimension“ in einer punktförmigen Singularität schlicht nicht definierbar ist? Von „außen“ betrachtet scheint die Singularität ein Punkt zu sein, also keinerlei Ausdehnung zu haben, aber wir dürfen, wenn wir das Zusammenbrechen logischer Kategorien angesichts der Singularität wirklich ernst nehmen, dennoch nicht davon ausgehen, dass wir sie dadurch eindeutig im Sinne einer definierten Dimensionsangabe charakterisiert haben. Das Prädikat „Nichtausgedehntsein“ wäre definiert insofern, als dass der nichtausgedehnten Entität der klar bestimmbare Zustand des Nichtausgedehntseins zukommt (im Sinne des Prinzips der logischen Zweiwertigkeit). Doch es ist ja gerade die schlechthinnige Undefinierbarkeit der Singularität, die sie als solche auszeichnet. Kann man in letzter Konsequenz also wirklich noch von einem wesensmäßigen Unterschied zwischen den beiden Zuständen sprechen? Oder ergibt es angesichts dessen nicht eher Sinn, diese Zustände als zwei Aspekte oder zwei Modi ein- und derselben Entität anzusehen? Der Wechsel zwischen diesen Zuständen scheint jedenfalls, wenn Einstein Recht hat, ein reguläres Ereignis im Naturgeschehen zu sein.
Folgende Frage kann die Unbestimmtheit des Unterschiedes zwischen Ausgedehntsein und Nichtausgedehntsein weiter verdeutlichen: Ist ein Traum ausgedehnt? Also glauben wir, dass das nächtliche Traumerleben in einem außerhalb des eigenen Bewusstseins existierenden dreidimensionalen Raum stattfindet? Ich glaube nicht. Kann man sich im Traum dennoch im Raum bewegen, also hat man Freiheitsgrade der Bewegung? Ja, die hat man, und das kann vollkommen realistisch erlebt werden, obwohl wir uns meines Erachtens sicher sein können, dass der Traum nicht in diesem unseren „real ausgedehnten“ Raum stattfindet, den wir aus der Wachwelt kennen und den wir als Wirklichkeit bezeichnen, sondern dass seine Ausdehnung zumindest in Bezug auf die intersubjektiv zugängliche Wirklichkeit der Wachwelt „imaginär“ ist. Allerdings trifft die Unterscheidung real und imaginär auch nicht ganz den Kern und ist auch ontologisch nicht mit letzter Sicherheit zu behaupten. So ist der Traumraum ja ebenso real für die Erlebende, zumindest im Moment des Traumes. Möglicherweise ist, bezogen auf den Aspekt der räumlichen Ausdehnung, der einzige Unterschied zwischen Traumraum und Weltraum, dass letzterer kollektiv zugänglich ist, ersterer lediglich für die Träumende selbst. Was angesichts der Stabilität unserer Realität im Gegensatz zur Diffusität und Phantastik unserer Träume zunächst absurd klingt, möchte ich in Kapitel 4.2. meines Buches näher erläutern.

So ein Traum ist ja auch eine Art von phänomenalem Erleben. Dieser Traum ist irgendwie ausgedehnt. Ist also phänomenales Erleben ausgedehnt?

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* Spannend ist auch eine andere sprachliche, aber inhaltlich mehr oder weniger identische Variante dieser Begründung, nämlich dass Singularitäten ein Zeichen für den Zusammenbruch einer Theorie an der betreffenden Stelle seien, da Singularitäten unphysikalisch seien. Besonders spannend an dieser allgemein gebräuchlichen Formulierung ist, dass in ihr besonders deutlich eine implizite Überzeugung hervortritt, die im Normalfall völlig unhinterfragt hingenommen wird, nämlich dass alles, was real ist, physikalischer Natur ist. In dieser Aussage steckt also ganz viel Metaphysik – und zwar physikalistische Metaphysik.

** Damit möchte ich die Arbeit an alternativen singularitätenfreien Erklärungsmodellen wie der Schleifenquantengravitation oder den verschiedenen Stringtheorien keineswegs als aussichtslos abtun. Da sie beide auf der Größenordnung der Planck-Skala ansetzen, also der kleinsten Größenordnung, in der die uns bekannten Gesetze der Physik noch ihre Geltung haben können, halte ich sie für wichtige Grundlagenarbeit zu einer weiteren Erkenntnis der Basiskonfiguration von Materie/Energie. Es mag auch möglich sein, eine völlig singularitätenfreie Theorie der Materie zu finden, welches sich experimentell bestätigen und sich auch erfolgreich in technologische Anwendungen überführen lässt. Damit ist dann aber trotzdem nichts ausgesagt über eine etwaige tatsächliche Existenz oder Nichtexistenz von Singularitäten bzw. ist es dann, wie gesagt, eine Theory of Matter, nicht eine Theory of Everything, da, wie ich später ausführen werde, der zentrale mathematische Begriff für das Ich in ihr fehlt.

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