Dieser Beitrag schließt an den Beitrag „Superposition und Nonlokalität als Beweis für die Fundamentalität der Logik“ an und ist ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Es gibt Menschen, denen die Deutung der Quantenverschränkung mittels der Nonlokalität nicht zusagt. Während ich noch von niemandem erfahren habe, der oder die es direkt problematisiert oder auch nur anmerkt, dass hier offenbar postuliert wird, dass Entitäten aus reiner Logik das materielle Geschehen bestimmen, so sind manche Menschen doch nicht davon überzeugt, dass Phänomene wie Nonlokalität und Superposition wirklich mit den Postulaten der Allgemeinen Relativitätstheorie verträglich sind. Sie sind der Auffassung, dass das kosmische Maximum der Lichtgeschwindigkeit und die damit einhergehende strikte Lokalisiertheit von kausal verbundenen Phänomenen durch das Postulat von Nonlokalität und Superposition verletzt wird und bemühen daher eine deterministische Deutung der Quantenmechanik.
Eine deterministische Deutung der Welt inklusive der Quantenmechanik nennt sich Super-determinismus. Die Physikerin Prof. Dr. Sabine Hossenfelder ist eine der prominentesten Vertreterinnen dieser Theorie. Die Bezeichnung „Superdeterminismus“ ist allerdings ein wenig irreführend, da er sich strukturell durch nichts vom üblichen Determinismus auszeichnet. Er erstreckt sich lediglich explizit auch auf die Phänomene der Quantenmechanik und die Korrelationen zwischen Messungen und dem Gemessenen. Wirklich sehr grob vereinfacht besagt er Folgendes: Die Bedingungen für alles, was jemals existierte und existieren wird, wurden ein für alle Mal beim Urknall festgelegt, inklusive aller Quantenphänomene. Es ist seit dem Urknall klar, welches Teil-chen welchen Ort einnehmen wird, welches Teilchen wann zerfallen wird, welches Experiment von wem wann durchgeführt wird und wer was dabei beobachtet und so weiter. Es gibt auch Vertreter des Superdeterminismus, die eine Art Finalursächlichkeit oder Retrokausalität postulieren, demzufolge die Ursache für den Ablauf aller Dinge in der Zukunft liegt.
Es gibt nur ein grundlegendes Problem mit dem Determinismus, und das ist seine Eigenschaft, in letzter Konsequenz alle Möglichkeit der Erkenntnis und der Unterscheidungskraft und letztlich auch die Aussagekraft der Logik selbst lahmzulegen. Er sägt sich also – ähnlich wie der Physikalismus – den eigenen Ast ab. Wenn ich nun annehme, dass alles – von woher auch immer, ob aus der Zukunft oder vom Urknall her – vollkommen vorherbestimmt ist, dass alles einem absolut notwendigen Ablauf unterliegt, so verschwindet die Aussagekraft jeglicher Prädikate wie „ist wahr“, „ist nützlich“, „ist nicht wahr“, „ist logisch konsistent“, „ist logisch widersprüchlich“ etc.. Denn egal was ich sage und egal was ich schreibe, alles unterliegt einem notwendigen Ablauf, von dem abzuweichen unmöglich ist. Das bedeutet, die Behauptungen in diesem Text sind vom exakt gleichen (onto-)logischen Wert wie die Aussagen eines Textes, der den Aussagen hier total widerspricht. Auch ein Text, den wir als logisch widersprüchlich bezeichnen würden, hätte den gleichen logischen Wert, denn er folgte aus der gleichen absoluten Notwendigkeit wie der Text, der logisch kohärent daherkommt. Wenn ein Mensch ausrechnet, dass 1+1=2 ist, hätte es den gleichen ontologischen Wert wie wenn ein Mensch ausrechnen würde, dass 1+1=3 ist, da beide Rechnungen mit Notwendigkeit aus der ersten Ursache folgen und so und nur so vollzogen werden konnten. Auch die Aussagekraft von ethischen Erwägungen wäre untergraben: Ein Kult, der auf blindem Gehorsam und der Praxis von Menschenopfern beruht, hätte exakt den gleichen ethischen Wert wie eine Naturwissenschaft, die sich auf Vernunft und Evidenz beruft. Beide würden mit Notwendigkeit aus den Bedingungen des einen Urereignis folgen. Ethische Bewertungen wie „ist irrational und inhuman“ und „ist vernünftig und bringt die Menschheit weiter“ hätten keinerlei Wert und wären qualitativ dasselbe, weil sie alle mit Notwendigkeit aus den Bedingungen des einen Urereignisses folgen würden. Der Mörder hätte denselben ethischen Wert wie der selbstlos Helfende, der gerichtliche Freispruch eines Mörders läge auf derselben Ebene der Notwendigkeit wie dessen Verurteilung und so weiter. Auch das, was Sie, die Sie diesen Text jetzt lesen, denken, hätte nichts Kreatives an sich und das Urteil, was Sie sich über das hier Geschriebene bilden würden, wäre vom Gesichtspunkt der Wahrheit völlig irrelevant, weil sie mit Notwendigkeit dieses und nur dieses eine Urteil über diesen Text denken könnten. Überhaupt wäre Wahrheit nur, dass alles mit Notwen-digkeit abläuft. Ja, sogar dass Sie diesen Text lesen, hat nichts Freies an sich, sondern war vorherbestimmt, genau so wie dieser Text mit Notwendigkeit so und nur so geschrieben werden konnte. Mit anderen Worten: Es ist alles vorherbestimmt. In letzter Konsequenz ist der Determinismus ein fatalistischer Schicksalsglaube im rationalen Gewand. Nun kann man an diese schicksalhafte Vorherbestimmung natürlich glauben, muss man aber nicht. Allerdings wären beide Optionen (die Entscheidung, es zu glauben oder die Entscheidung, es nicht zu glauben) von einem deterministischen Standpunkt aus ohnehin schon vorherbestimmt. Die logische Figur, die aus der Annahme des Determinismus entsteht, ist ein infiniter Progress. Es ist unmöglich, ihr zu entweichen. Darum erinnert sie an einen Wahn. Ein Wahn zeichnet sich ebenso wie diese Denkfigur durch Unkorrigierbarkeit aus – es sei denn, man kehrt an die Wurzel seiner Entstehung zurück. Kehren wir an die Wurzel der Entstehung des Determinismus zurück, so stellen wir fest, dass er entstand, nachdem ein Mensch nach der logisch kohärentesten Erklärung für das Geschehen in der Welt gesucht hat. Hier war also schon der Anspruch auf die Gültigkeit der Logik vorausgesetzt. Während des Durchexerzierens dieser Denkfigur konnte festgestellt werden, dass die Logik im Verlaufe selbst ihren Sinn verliert bzw. sich gewissermaßen selbst in einer unendlichen Rekursion gefangen hält. Man könnte noch versuchen, den Determinismus zu retten, indem man sagt, dass das Anliegen, die logisch kohärenteste Erklärung für das Geschehen in der Welt zu finden, selbst eine notwendige Folge des Urknalls (oder der Finalursache) war – nichts anderes impliziert ja der Determinismus. Nur müsste man dafür wieder die Gültigkeit der Logik akzeptieren, da dies ein logischer Schluss ist. Wenn man aber die Gültigkeit der Logik akzeptiert und sieht, dass im konsequenten Durchdenken des Determinismus die Logik jegliche Aussagekraft verliert, dann muss man daraus schließen, dass der Determinismus logisch widersprüchlich ist und somit als geeignetes Weltdeutungsmodell ausscheidet.