Dieser Text schließt an den Beitrag „0 = 1 : Das Zusammenbrechen der zweiwertigen Logik am Grunde der Wirklichkeit“ an und ist – mit dem Format entsprechenden Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Nun haben wir bis hierhin festgestellt, dass nicht nur das Ich, sondern offenbar auch Energie bzw. Materie fundamental ist. Doch was ist Materie eigentlich? Um mich der Antwort auf diese Frage anzunähern, möchte ich zunächst einmal beleuchten, was aus naturwissenschaftlicher Sicht bisher über die Eigenschaften von Energie bzw. Materie bekannt ist. Es folgt ein Zitat aus dem Buch „Urknall, Weltall und das Leben“, verfasst von den bekannten Physikern Prof. Dr. Josef Gaßner und Prof. Dr. Harald Lesch:

„Protonen und Neutronen bestehen aus jeweils drei Quarks und einer Vielzahl masseloser, punktförmiger Teilchen, die eine anziehende Kraft ausüben, was ihnen die Bezeichnung Gluonen (englisch glue = kleben) eingebracht hat. Damit sind wir bei unserer Suche nach dem Phänomen „Masse“ am innersten Matroschka angelangt: den Quarks – genauer gesagt bei den Up- und Down-Quarks. Unglücklicherweise ergeben deren Massen jedoch weniger als ein Hundertstel der Protonen- beziehungsweise Neutronenmasse. Schlimmer noch, wenn die theoretische Physik recht behält, sind selbst diese geringen Massen der Quarks, ebenso wie die sämtlicher Elementarteilchen, de facto null. Der Eindruck massebehafteter Elementarteilchen entsteht demnach durch ein überall vorhandenes „zähes“ Etwas, das ihrer Beschleunigung entgegenwirkt. Wir nennen es das Higgsfeld, nach einem der sechs Begründer dieser Theorie, dem schottischen Physiker Peter Higgs. […] Je tiefer wir in die Materiestruktur vordringen, umso mehr rinnt uns das Phänomen „Masse“ wie Sand durch die Finger […], weil die Masse der Materie gar nicht aus Masse besteht, sondern aus der Bewegungs- und Bindungsenergie der beteiligten Substruktur und der Kopplung an ein geheimnisvolles Higgsfeld. Es bleibt die Erkenntnis: Masse entspricht nicht nur einer bestimmten Energie gemäß E = mc², Masse ist Energie und die Bewegungsenergie der masselosen Gluonen trägt den Löwenanteil dazu bei. […] Alles ist Energie. […] Enrico Fermi entdeckte, dass es unter den mikroskopischen Teilchen zwei Lager gibt, abhängig von einer quantenmechanischen Eigenschaft, dem Spin. Die einen, die Bosonen, kann man beliebig auf engstem Raum zusammendrängen, während die anderen, die Fermionen, diese Geselligkeit vermissen lassen. Letztere setzen näher rückenden identischen Teilchen einen sogenannten Fermidruck entgegen, eine Art „Klaustrophobie“, mit der sie ein Mindestmaß an Raum für sich beanspruchen. Zusätzlich stoßen sich Teilchen aufgrund gleichnamiger Ladungen ab, so dass beide Effekte zusammengenommen eine Barriere entstehen lassen, an der wir uns den Kopf anschlagen. Die Zutaten

  • Energie
  • elektrische Ladung
  • Kopplung an ein überall präsentes Higgsfeld und
  • das klaustrophobische Verhalten der weniger geselligen Sorte beider Teilchenarten

„gerinnen“ zu etwas Handfestem, das wir Materie nennen.“

Harald Lesch, Josef M. Gassner (2014): Urknall, Weltall und das Leben. Vom Nichts bis heute Morgen; München: Komplett Media Verlag

Bevor ich auf das obige Zitat inhaltlich eingehe, möchte ich eine Anmerkung zum Higgsfeld bzw. zu seinem zugehörigen Feldquant, dem Higgs-Boson, machen. Es hat laut gängiger Meinung seine Masse aus sich heraus, oder, um es vorsichtiger zu formulieren, entzieht sich der Ursprung seiner Masse der derzeitigen Kenntnis. Außerdem kann es von allen Teilchen mit Masse erzeugt und vernichtet werden, wobei es erst das Higgs-Feld ist, das diesen Teilchen ihre Masse verleiht.
Nun möchte ich den Gehalt des obigen Zitats in Berücksichtigung der Ergänzungen über Higgsfeld und Higgs-Boson noch einmal in etwas überspitzter Form wiedergeben: Eine wodurch auch immer verursachte Anregung von energetischen Feldern ergibt ein Etwas, was wir Teilchen nennen, was aber eigentlich punktförmig (also unendlich klein) und masselos ist. Der Eindruck von Masse entsteht dadurch, dass diese masselose Entität an ein anderes Feld koppelt, welches aber irgendwie „zäh“ wirkt und dem Teilchen dadurch eine messbare Ruhemasse gibt. Im Teilchenbeschleuniger können derart massebehaftete Teilchen Higgs-Bosonen erzeugen und vernichten. Dieses Higgs-Boson hat aber die Masse aus sich heraus, woher auch immer es das hat und was auch immer Masse ist. Denn muss ein Feld nicht erstmal als masselos angesehen werden? Oder kann das Higgsfeld selbst auch Masse haben? Nun ja, aber auch das würde das Problem der Masse auch nur einen weiteren Schritt nach hinten verschieben, denn dann müsste man sich fragen, woher denn das Feld seine Masse hat. Doch weiter im Text: Dazu kommt noch, dass diese mysteriösen Entitäten, die erst masselos sind, aber durch eine Wechselwirkung mit dem Higgsfeld irgendwie massebehaftet werden, über etwas verfügen, was man „elektrische Ladung“ und „Spin“ nennt, was sie zusätzlich auf spezifische Weise zueinander verhalten lässt und das nennt man dann Materie. Auch hier, am Grunde der Physik liegt die oben schon besprochene Dynamik vor: Aus Nicht-Masse wird Masse, aus etwas Nichtausgedehntem (Punkte) wird etwas Ausgedehntes (dreidimensionale bzw. vierdimensionale Objekte, zählt man die Zeit dazu). Alle Kritiker des Substanzdualismus müssten angesichts des derzeitigen Wissenschaftsstands Schnappatmung bekommen! Wie kann es sein, dass eine nichtausgedehnte Entität mit einer ausgedehnten Entität interagiert? Und wie wird aus einem Haufen unausgedehnter Entitäten ein ausgedehntes Objekt? Keine Ahnung, aber die Mathematik sagt, es läuft genau so, also shut up and calculate?! Nun, vielleicht liegt in genau dieser Aussage, die zunächst wie eine geistige Bankrotterklärung klingt, doch eine tiefe Weisheit, die noch ihrer Bergung harrt. Auch hier könnte die Mathematik respektive die Logik der Schlüssel zum Verständnis sein, nur anders als bisher gedacht.
Doch vorerst abermals weiter in Sachen Higgs-Boson: Wir haben mit dem Higgs-Boson eine Entität, deren Eigenschaft der Masse sich jeder weiteren, noch grundlegenderen Erklärung entzieht. Auch Energie (da Energie nichts anderes ist als Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat) stellt sich hier ganz offenbar als eine grundlegende Entität dar, die nicht als Abkünftiges aus noch grundlegenderen Entitäten beschrieben werden kann. Freilich ändern sich ganz offenbar die Formen von Energie/Materie ständig, womit diese definitiv als nicht fundamental gelten können. Die Formen der Energie/Materie sind, wie bereits festgestellt, vergänglich und veränderlich! Aber Energie/Materie an sich muss zu den Fundamentalien der Wirklichkeit gehören. Denn die Unmöglichkeit, etwas noch Grundlegenderes zu finden, aus dem Masse ein Abkünftiges ist, erinnert an die Identität des Ich mit sich selbst. Wenn man fragt „Wer bin ich?“, dann kann die Antwort nur lauten „Ich bin ich“. Genau so scheint es zu sein, wenn man fragt „Was ist Energie?“ oder „Was ist Masse?“. Auch hier kann die Antwort nur lauten: „Energie ist Energie“ oder „Masse ist Masse“ oder „Energie ist Masse“. Und da wir festgestellt haben, dass sowohl Energie als auch Ich zwei fundamentale Aspekte des Ur-Einen sein müssen und sich vielleicht auch ineinander transformieren können, wäre auch die Aussage „Ich bin Energie/Masse“ korrekt. Bin ich also doch identisch mit Materie? Ja, aber nicht nur. Ich bin auch nur ich. Ich bin also gleichzeitig nur mit mir identisch. Da haben wir wieder das altbekannte Problem mit der zweiwertigen Logik. Es erinnert auch an das paradoxe Verhältnis zwischen Gravitation und den drei weiteren Grundkräften Elektromagnetismus, schwache Kraft und starke Kraft. Die eine scheint von grundlegend anderer Art zu sein und sich nicht für die Begrenzungen und Regeln der Energie zu interessieren. Sie marschiert einfach hindurch. Gleichzeitig wirkt sie in dieser Welt der Energie, zwar nicht als materielle Kraft mit den entsprechenden Überträgerteilchen, den Bosonen, sondern als Krümmung der Raumzeit selbst, aber sie übt einen Effekt aus. Sie kann also Einfluss auf Materie ausüben, und zwar, indem sie die Raumzeit selbst formt, in der die Materie interagiert. Wie genau man sich meines Erachtens das Verhältnis von Gravitation zu den anderen drei Grundkräften vorstellen kann, bespreche ich ab Kapitel 4.5 (in meinem Buch). Vorher muss aber erst einmal geklärt werden, was überhaupt das Wesen der Raumzeit ist und welchen ontologischen Status sie hat. Wir haben bis hierhin festgestellt, dass sowohl das Ich als auch Energie fundamental sind. Doch welchem Reich gehört eigentlich die Raumzeit an? Und was ist Raumzeit überhaupt?