Dieser Text ist – mit dem Format entsprechenden Abwandlungen – ein Auszug aus meinem Buch „Phänometrie. Ist Bewusstsein mathematisch greifbar?

Der Konstruktivismus ist die erkenntnistheoretische Position, dass Erkenntnis ein konstruktiver Prozess ist. Die Welt wird also nicht so erkannt, wie sie ist, sie wird konstruiert. Erfolgreiche, das heißt erklärungsstarke und prognosefähige wissenschaftliche Theorien können dem Konstruktivismus zufolge nicht als wahr im ontologischen Sinne gelten – denn darüber könne man grundsätzlich keine Aussage machen -, sondern allenfalls als nützlich. Der Realismus ist die erkenntnistheoretische Position, dass wir mit unserem Erkenntnisapparat tatsächlich die Wirklichkeit rezipieren können wie sie ist, auch wenn über die Details, in welcher Weise genau unser Erkenntnisapparat mit der Wirklichkeit in Beziehung steht, gestritten wird. Wissenschaftliche Theorien können demnach dem Realismus zufolge als wahr im ontologischen Sinne gelten. Im Folgenden werde ich anhand der exemplarischen Untersuchung des konstruktivistischen Denksystems erläutern, warum mein hier entwickeltes System weder mit einer konstruktivistischen noch mit einer realistischen Denkungsart kompatibel ist, da sowohl realistische als auch konstruktivistische Positionen im Grunde an derselben Stelle kranken: Sie setzen beide die unbeweisbare These einer bewusstseinsunabhängigen Wirklichkeit voraus.

Eine der Intentionen des Konstruktivismus ist es, die metaphysische Überhöhung des menschlichen Geistes anzufechten. So erscheint einem Konstruktivisten nicht plausibel, dass der Mensch durch seine Vernunft wirklich Teil an einem real existierenden logischen Gefüge des Kosmos hat. Dazu wird auf das Gewordensein des menschlichen Geistes im Laufe der Evolution verwiesen. Die jetzt existierenden Strukturen hätten sich im Laufe der Evolution als nützlich erwiesen und seien demnach durch natürliche Selektion weitergetragen worden. Was den menschlichen Geist an Informationen über die Außenwelt oder über den eigenen Leib erreiche, sei zudem nicht „die Wahrheit“, sondern ein durch die spezifische Organisation seines Leibes und damit seines Wahrnehmungsapparats determiniertes Bild der Welt, aus der er mithilfe seines Geistes ein Weltbild konstruiere.

Interessant daran ist, dass der Konstruktivismus damit innerhalb seiner selbst einen Realismus voraussetzt, denn sowohl der Organismus als auch die Umgebung, aus der der Organismus seine Sinnesdaten erhält, werden als real vorausgesetzt. Also sowohl der Körper, der die Sinnesdaten verarbeitet, als auch die Umgebung, die Sinnesdaten liefert, werden ja in dieser Theorie im Sinne der Evolutionstheorie aufgefasst. Wie können wir unseren eigenen Körper und unsere Umgebung aber zuverlässig als etwas rein Physikalisches bzw. Biologisches und durch die Evolution Gewordenes erkennen, wenn doch die Erkenntnis selbst lediglich ein konstruktiver Prozess ist, welcher als solcher bezeichnet wird, weil er durch die spezifische Beschaffenheit unserer Neuro-biologie determiniert ist? Irgendetwas an diesem Sachverhalt müssen wir als real im ontologischen Sinne fixieren, damit unsere Behauptung überhaupt eine Aussagekraft hat. Entweder wir setzen die zusammengehörenden Aussagen „Unsere Neurobiologie ist aufgrund der Evolution, welche so und so abgelaufen ist, auf diese und jene Weise aufgebaut“ als ontologisch real voraus, damit wir eine gültige Begründung für die Aussage „daher ist Erkenntnis ein konstruktiver Prozess“ ist. Nun ist aber nicht anzuzweifeln, dass die Formulierung der logischen Aussage „Unsere Neurobiologie ist aufgrund der Evolution, welche so und so abgelaufen ist, auf diese und jene Weise aufgebaut, daher ist Erkenntnis ein konstruktiver Prozess“ ein Werk unseres Erkenntnisapparats ist, welcher laut dieser Aussage aber nicht die Wirklichkeit an sich erkennt. Wie kann dieser Erkenntnisapparat dann aber die Prämisse „Unsere Neurobiologie ist aufgrund der Evolution, welche so und so abgelaufen ist, auf diese und jene Weise aufgebaut“ mit ontologischem Gültigkeitsanspruch aufstellen? Prämisse und Schlussfolgerung untergraben einander bzw. sehen wir daran, dass der radikale Konstruktivismus mitnichten so radikal ist wie er meint, denn seine Prämisse muss er ja seiner eigenen Schlussfolgerung entziehen, damit sie eine starke Begründung für die Schlussfolgerung bleibt.

Aber wenn solch ein Schritt nötig ist, kann dann die Schlussfolgerung aus der Prämisse richtig sein? Ich glaube nicht. Denn wie kommen Logik und Vernunft in den menschlichen Geist, wenn sie vorher überhaupt nicht existent waren? Und wenn sie nicht existent waren, wie kann es dann sein, dass die Evolution bzw. die gesamte Geschichte des Universums in einer logischen und sinnvollen Abfolge von Prozessen abgelaufen ist? Zum Beispiel, dass sich evolutionär nützliche Formen und Eigenschaften in Individuen wie logisches Denken durch Selektion herausgebildet und weiterentwickelt haben, ist das etwa kein logisch folgerichtiger Ablauf, sondern blinder Zufall? Und dann entsteht aus diesem blinden Zufall auch noch rein zufällig (denn eigentlich darf es ja nicht logisch sein, die gab es ja vor dem menschlichen Geist noch nicht) auch noch ein menschlicher Geist, der die bisherigen kosmischen und evolutionären Abläufe mithilfe seines Erkenntnisapparats auf eine logisch schlussfolgernde Weise wahrnehmen kann? Daraus entsteht dann rein zufällig die Fähigkeit, Prognosen über die Zukunft anzustellen und fortgeschrittene Technologien zu entwickeln, die auf den mittels tiefer logischer Überlegung gewonnenen Erkenntnissen über die Vorgänge auf Elementarteilchenebene basieren – deren logische Strukturen aber nicht wirklich existieren, weil es so etwas wie Logik außerhalb des menschlichen Geists nicht gibt, aber das Universum sich bis jetzt trotzdem rein zufällig nach logischen Abläufen, und das auch noch mit mathematischer Präzision, verhalten hat? Na, sind Sie ebenso überzeugt wie ich davon, dass es genau so gewesen sein muss? Scherz beiseite – der erkenntnistheoretische Konstruktivismus setzt, wie wir hier sehen können, nicht nur einen Realismus bezüglich der Erkennbarkeit der Außenwelt, des menschlichen Körpers und der dazugehörigen Prozesse voraus, sondern auch ein außerhalb des menschlichen Geistes existierendes logisches Gefüge, wenn sie den menschlichen Geist als aus einem sinnvoll ablaufenden evolutionären Prozess heraus entstanden erklären wollen.

Also, wir sehen, die Schlussfolgerung des radikalen Konstruktivismus passt einfach nicht zu seinen Prämissen. Spielen wir das nochmal auf etwas andere Weise durch: Nehmen wir dessen Prämisse als gültig an, so wäre eine widerspruchsfreie Schlussfolgerung eher Folgende: „Da unsere Neurobiologie und damit unser Erkenntnisapparat ein Produkt der Evolution ist, müssen in ihm die gleichen Prinzipien wie im Prozess der Evolution wirken, wenn wir keine unplausible superstarke Emergenz von Eigenschaften aus dem Nichts annehmen wollen. Zudem erkennen wir ja die Evolutionstheorie sowohl wegen ihrer inneren Kohärenz als auch ihrer Übereinstimmung mit der beobachteten Wirklichkeit als gültig an. Das impliziert 1., dass wir das, was wir über die Welt und ihre Evolutionsgeschichte wahrnehmen und wissen, als wahre Erkenntnis über die real vorhandenen Gegebenheiten voraussetzen 2., dass Logik in der Evolution am Werke war, weil die Evolutionstheorie, wie wir sie anerkennen, die Darstellung von logisch folgerichtigen Naturprozessen ist.“

Wenn wir hingegen das Kernanliegen des radikalen Konstruktivismus, welches ja im Momentum des radikalen Zweifels an dem ontologischen Wahrheitsgehalt unserer Erkenntnisse besteht, bewahren wollen, dann müssten wir noch bescheidener werden und wie Descartes bemerken, dass wir über die Existenz unserer Selbst hinaus nichts mit absoluter Sicherheit sagen können. Doch selbst dann kommen wir nicht bei der Schlussfolgerung „Erkenntnis ist ein konstruktiver Prozess“ an, weil sich ein Schluss mit einer positiven Aussage über die Natur unserer Erkenntnis daraus gar nicht ziehen lässt. Um dies beurteilen zu können, müssten wir ein sicheres Wissen über die wahre Natur der Außenwelt haben und annehmen, dass sie unabhängig von unserem Bewusstsein existiert. Wir müssten also noch weiter zurückrudern und so etwas sagen wie: „Wir können überhaupt keine letztgültigen Aussagen über eine etwaige bewusstseinsunabhängige Realität machen.“ Zu diesem Schluss bin ich bereits hier gekommen. Es gibt meines Erachtens keinen Weg, auf dem wir auf logisch widerspruchsfreie Weise für die Richtigkeit der Aussage „Erkenntnis ist ein konstruktiver Prozess“ argumentieren können, weil dies die unbeweisbare Annahme einer bewusstseinsunabhängigen Außenwelt voraussetzt.